Tragödie

„Niemand“ an den DT-Kammerspielen

Dušan David Parízek reanimiert Ödön von Horváths lange verschollenes, krudes ­Frühwerk „Niemand“ – und treibt den Irritationsfaktor auf die Spitze

Foto: Arno Declair

Angesichts von Dušan David Parízeks Ausgrabung eines bis vor kurzem unbekannten Frühwerks Ödön von Horváths mit dem Titel „Niemand“ am Deutschen Theater wirkt der sinnfreie Saison-Werbeclaim des Theaters natürlich sehr beruhigend: „Keine Angst vor Niemand“. Angst muss man vor dieser Inszenierung nicht haben, dafür ist sie entschieden zu kunstsinnig. Angst um die Niemande, die sie bevölkern, ist schon eher angebracht. Horváth lässt in seinem 1924 geschriebenen, erst im vergangenen Jahr wieder aufgetauchten Frühwerk Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft im Treppenhaus einer eher tristen Mietskaserne aufeinandertreffen: die Prostituierte Gilda (Franziska Machens), ihr sich breitbeinig durchs Leben schlawienernder Zuhälter Wladimir (Henning Vogt), ein arbeitsloser Geiger (Elias Arens). Nebenan gibt es eine Kneipe mit einer resoluten Kellnerin, gespielt von Lisa Hrdina, der zuzusehen immer eine Freude ist.

Ganz oben unterm Dach wohnt ein seltsamer Mann mit einem seltsamen Namen, Fürchtegott Lehmann (Marcel Kohler), der Vermieter. Ihn zeichnen im wesentlichen drei Eigenschaften aus: Er sitzt im Rollstuhl, er mag keine Menschen, und er hat seinen Geiz als Pfandleiher zum Beruf gemacht. Weil so ziemlich jeder im Haus Schulden bei ihm hat, kann er sich des Hasses seiner Nachbarn sicher sein. Aber dann geschehen seltsame Dinge, der Pfandleiher verliebt sich in eine Arbeitslose (Wiebke Mollenhauer). Ein anderer Herr, der ebenfalls Lehmann heißt, wird umgebracht. Und ein dritter Lehmann, Fürchtegotts Bruder (Frank Seppeler), taucht auf und macht sich mit der Prostituierten ein paar nette Stunden.

Dušan David Parízek macht es sich in seiner Inszenierung in den DT-Kammerspielen nicht im Milieu-Naturalismus gemütlich. Die Bühne (ebenfalls von Parízek) ist abstrakt: eine Holzwand mit Parkettmuster, die sich als Spielfläche auf den Boden fortsetzt. Ab und zu werden Passagen aus Horváths Manuskript auf sie projiziert. Parízeks Regie interessiert sich für die Künstlichkeit von Horváths Versuchsanordnung und seine verfremdete Sprache. Die Doppelgängermotive der Vorlage werden ausgiebig und gekonnt benutzt, um den Künstlichkeits- und Irritationsfaktor zu erhöhen: Surrealismus statt Sozialrealismus, was dem etwas kruden Text Horváths ausgesprochen gut bekommt. Um zu betonen, dass wir Spielsituationen zusehen, sitzen alle Spieler an den Bühnenrändern, um für ihre Szenen ins Spiel zu treten. Ihr Spiel ist nur in Teilen realistisch, ausgestellt auf der Spielfläche werden die Figuren zu Spiel- und Sprechpuppen. Marcel Kohler und Frank Seppeler als die Brüder Lehmann gönnen sich Ausflüge ins Rummatschen mit Blutfarbe auf ihren nackten Körpern – so viel Gelegenheitsexpressionismus muss sein. Aber weil auch das im kühl gesetzten Rahmen der Versuchsanordnung bleibt, wirkt das erfreulicherweise nicht verschwitzt testosterongesteuert, sondern ausgesprochen klar: Die beiden Niemande wollen Jemande sein.

Deutsches Theater Kammerspiele Sa 8.4., 19.30, Di 18.4., 19 Uhr, Di 25.4., 20 Uhr, Eintritt 23–30 €

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