Theater

„Nietzsche contra Wagner“ im Hau

pablo derkaDer Wagnerismus trieb schon immer bizarre Sumpfblüten. Nicht nur, dass Wagners Antisemitismus seinen Anhängern bis heute Kummer macht. Auch Nietzsches Schwester, die wegen ihrer Brieffälschungen berüchtigte Elisabeth Förster-Nietzsche, leistete ihren Beitrag. Sie hegte und pflegte jahrelang die groteske Utopie einer reinrassigen, germanischen Groß-Kommune im südamerikanischen Paraguay. Bei diesem „Neu-Germania“ handelte es sich um die Idee einer deutsch-nationalen Siedler-Kolonie, aus der „die Läuterung und Neugeburt der Menschheit“ hervorgehen sollte. Genau so hatte es ihr Mann, der Gymnasiallehrer und antisemitische Agitator Bernhard Förster, ausgeheckt, bevor er sich 1889 in San Bernardino das Leben nahm. Die Witwe im Wahn blieb seinen Idealen treu. Während nebenan ihr Bruder Nietzsche dem Wahnsinn verfiel.
„Ich finde, Bernhard Förster war der viel echtere Proto-Nazi im Vergleich mit Wagner“, sagt der argentinische Regisseur und Komponist Santiago Blaum (35). Er bringt den monströsen Stoff jetzt auf die Bühne des Theaters am Halleschen Ufer. „Auf das antisemitische Niveau Försters mochte sich nicht einmal Wagner selber herablassen“, so Blaum. Kurz: ein erquickender Quark von erstaunlichem Gift-Gehalt.

Santiago Blaum, bekannt geworden als Mitarbeiter von ­Constanza Macras (unter anderem bei „Megalopolis“ an der Schaubühne), kombiniert tropische Musik mit Wagner-Zitaten. „Daneben verkörpert der kolumbianische Cumbia-Rhythmus für uns die Utopie der Tropen, die als Gegensatz zur Utopie der Reinheit fungiert“, so Blaum. Als Darstellerin für die schwierige Schwester arbeitet er erneut mit Eva Löbau zusammen. Sein Zugang zur Sache geschah über das Philosophie-Studium in Buenos Aires. „Meine Identifikation“, so Blaum, „läuft eher über Nietzsche als über Wagner.“ Dem warf schon ­Nietzsche vor, „nur schöne Momente“ komponiert zu haben. Im Übrigen aber tyrannisiere Wagner, so Nietzsche, das Publikum durch Überlänge. „Das will ich nicht tun“, verspricht Blaum. Die Idee, Identität durch Abstammung oder sogar durch Blutszugehörigkeit zu definieren, hält Blaum noch immer für virulent. „Die Debatte über die National-Identität als fester `Blut-Sache` (Jus sanguinis) oder aber als eines Ergebnisses ständiger Migrationsprozesse bleibt heute so aktuell wie damals“, meint er. Dass es um Förster-Nietzsches intellektuelle Fähigkeiten nicht zum Besten bestellt war, musste seinerzeit ausgerechnet Rudolf Steiner erfahren. Ihn hatte Förster-Nietzsche als Philosophie-Nachhilfelehrer für sich selbst engagiert. Entnervt warf er schon bald das Handtuch.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Pablo Derka

Nietzsche contra Wagner Hau 2, Fr 19.–So 21.4., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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