• Kultur
  • Theater
  • Nina Hoss und Stephan Kimmig über „Der Kirschgarten“

Theater

Nina Hoss und Stephan Kimmig über „Der Kirschgarten“

Nina_Hoss_Stephan_Kimmig_c_David_von_Becker

Frau Hoss, Sie spielen die bankrotte Gutsbesitzerin Ranjewskaja in Stephan Kimmigs „Kirschgarten“-Inszenierung. Das ist, nach Thomas Langhoffs nostalgisch-sentimentaler Inszenierung am BE und einer verspielten Version in den Sophiensaelen, der dritte Berliner „Kirschgarten“ der Saison. Abgesehen davon, dass es ein wunderbares Stück ist – hat diese „Kirschgarten“-Konjunktur einen besonderen Grund?
Nina Hoss: Das frage ich mich auch, plötzlich spielen das alle Häuser. Für mich ist es auch ein Stück darüber, dass die Menschen Angst vor Veränderungen haben. Und wir stehen ja offenbar vor Veränderungen, viele Menschen haben das Gefühl, dass es so wie bisher nicht weiter geht. Man weiß nicht, was kommt, das ist im „Kirschgarten“ auch so. Alle Figuren haben eine emotionale Verbindung zu dem großen Kirschgarten auf dem Landgut, zum Teil seit ihrer Kindheit. Und dieser Kirschgarten geht ihnen verloren, weil die Ranjewskaja kein Geld mehr hat. Am Ende wird er verkauft, die Bäume werden gefällt. Mit dem alten Leben auf dem Gut ist es vorbei. Was kommt dann? Für manche ist es vielleicht eine Chance, für andere geht es den Bach runter, ihr Leben wird nicht unbedingt besser. Nicht einmal Lopachin, der Kaufmann, der den Kirschgarten kauft, um dort Häuser für Touristen zu bauen, ist glücklich darüber. Eigentlich wollte er in die gehobene Gesellschaft hinein. Wenn er den Kirschgarten zerstört, zerstört er symbolisch genau diese Gesellschaft.
Stephan Kimmig: Natürlich gibt es Parallelen, zu dem, was wir derzeit erleben. Die Ranjewskaja hat über ihre Verhältnisse gelebt und ihr Erbe durchgebracht. Wir leben doch alle auf Pump, ist doch klar. Ich stelle mir vor, wie es den Griechen geht. Wie macht man in so einer Lage weiter? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Zusammenbruch, Depression. Die Ranjewskaja lässt sich ihre Neugierde aufs Leben, auch eine Freude am Leben, nicht nehmen. Vielleicht ist es ja auch eine große Chance, wenn alles zusammenbricht. Man stellt noch einmal neu die Fragen danach, wie sich so etwas wie Lebensglück mit den Zwängen der Ökonomie verbinden lässt. Wie schafft man es, diesen früheren Wohlstand, in dem zu leben ja auch sehr angenehm war, hinter sich zu lassen? Was für eine Bedeutung haben Dinge, die keinen ökonomischen Wert haben? So wie der Kirschgarten, der vielleicht teuer und wirtschaftlich unergiebig, aber auch einfach schön und ein Teil der Lebensgeschichte der Figuren ist.

Wie geht die etwas weltfremde Upperclass-Dame Ranjewskaja mit dem Geld um?
Hoss: Sie hatte immer Geld, sie musste nie dafür arbeiten. Sie verschwendet ihr Geld, ihr ist gar nicht bewusst, was Geld bedeutet. Sie weigert sich, darüber nachzudenken. Als Lopachin ihr erklärt, wie sie den Kirschgarten zu Geld machen kann, sagt sie, das sei geistlos. Sie möchte diesen schönen Kirschgarten nicht in kleine Parzellen verwandeln. Sie will keine Verantwortung für lhre Entscheidungen übernehmen, das Leben ergibt sich für sie immer irgendwie, sie lässt sich ein wenig treiben, auch in ihren Tragödien.
Kimmig: Das ist ja eine Haltung, die wir sehr gut kennen. Ich weiß, was der Klimawandel bedeutet, aber ich fahre so lange weiter Auto, bis man mir das Benzin wegnimmt. Ich fahre so lange gegen die Wand, bis ich an der Wand klebe, wie jetzt vielleicht die Griechen. Erst dann wird sich was ändern, davor ändert sich nichts.
Hoss: Ich glaube, Tschechow hat schon gemeint, dass eigentlich alle Figuren am Ende des Stücks in eine gewisse Trauer gehen, das ist für keinen von denen eine besonders fröhliche Zeit. Das ist wie so ein trauriges Lächeln. Man hört ihren Alltagsplaudereien zu, sie reden die Dinge auch nie zu Ende. Aber man hat immer das Gefühl, die wissen von was, sie wollen das entweder nicht bemerken oder zumindest nicht aussprechen. Darin liegt für mich eine Traurigkeit. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem auch komisch sein kann. Und wenn man ihnen so zusieht, haben sie durchaus eine Sinnlichkeit, auch so etwas wie ein Glück, in dem, was sie erleben. Auch nach dem Bankrott, nach dem Verkauf des Kirschgartens geht das Leben weiter. Das ist ja auch so, irgendwie geht es immer weiter. Manche Sätze sind einfach sehr interessant, etwa wenn Ranjewskajas Bruder Gaev am Ende sagt, wir waren alle so fürchterlich aufgeregt und angstbeladen, weil das Gut verkauft wird. Jetzt ist es verkauft, jetzt geht es uns eigentlich ganz gut. Jetzt müssen wir mit einem neuen Leben umgehen, wir müssen jetzt mit der Vergangenheit abschließen. Das hat auch etwas Befreiendes.

Nina_Hoss_Stephan_Kimmig_c_David_von_BeckerKann es haben, aber nicht unbedingt für die Verlierer in diesen Umbrüchen. Ich möchte jetzt nicht alt und krank und arm in Griechenland sein.  
Hoss: Ich auch nicht. Was die Griechen erleben, haben sie ja auch nicht nur alleine fabriziert. Die reichen Griechen haben ihr Geld längst in Sicherheit gebracht. Darum ist es richtig, dass die Griechen jetzt streiken. Ich verstehe diesen Impuls, sich gegen die Einschnitte zu wehren. Sie müssen ganz genau aufpassen, auf wessen Rücken die Sparmaßnahmen ausgetragen werden.

Auch in den reichen Ländern gibt es das Gefühl, wir leben über unsere Verhältnisse, und irgendwann platzt die Blase und diese falsche Dekadenz fällt uns auf die Füße. Ist dieser Luxus auf Pump nicht sehr nah an der Figur der Ranjewskaja?
Hoss: Wir hängen noch da dran, an diesem Leben in Wohlstand, auch weil wir etwas anderes nicht kennen. Das ist im „Kirschgarten“ auch so. Eine Gesellschaftsform geht zu Ende, dann muss man sich für etwas Neues öffnen, auch wenn das Neue für diese russischen Aristokraten um 1900 eine Verschlechterung ihrer Lage bedeutet. Entweder man öffnet sich für diese Veränderungen oder wird depressiv und hängt dem Vergangenen ewig nach.

Vielleicht eine dumme Frage: Mögen Sie diese etwas verträumte, verwöhnte Frau, die Sie da spielen?
Hoss: Die Ranjewskaja? Ich mag sie sehr. Ich mag sie in ihrer Versponnenheit. Ich habe sie noch nicht ganz verstanden. Sie wechselt die emotionalen Zustände rasant. Das ist schwierig zu spielen, aber wenn man’s hinkriegt, kann das etwas schillerndes haben – sie ist schwer zu greifen. Sie arbeitet am Anfang des Stücks, als sie aus Paris auf das Landgut zurück kommt, regelrecht daran, in diesen Kindheitszustand zurück zu kommen, um in dieser Unschuld, in der alles offen vor einem liegt, noch einmal neu anfangen zu können. Diesen Zustand wünscht sie sich herbei.

Sie ist empfindlich, aber dass ihr Luxus-leben auf Kosten der Armen geht, sieht sie nicht. Man könnte sagen: Ihre kindliche Unschuld ist alles andere als unschuldig.
Hoss: Sie sieht das nicht, sie beschäftigt sich nicht damit. Sie hat eine gewisse Ignoranz, aber sie hat auch eine große, naive Neugier. Sie ist lebenshungrig.

In „Barbara“, dem neuen Film von Christian Petzold, spielen Sie die Titelrolle, der Film spielt in der DDR, zehn Jahre vor dem Kollaps des Systems. Hat das Parallelen zu diesem vorrevolutionären Russland in Tschechows Stück?
Hoss: Das alte System ist porös, es gibt die Ahnung einer Veränderung, aber sie ist noch nicht deutlich sichtbar. Das ist ähnlich wie bei Tschechow.

Es gibt Tschechow-Hasser und Tschechow-Verehrer. Wie geht es Ihnen mit dem Autor des „Kirschgarten“?
Kimmig: Ich weiß noch, wie ich vor fast 30 Jahren in der Schaubühne „Drei Schwestern“ von Peter Stein gesehen habe. Ich war vier mal drin und fand es jedes Mal fürchterlich. Alle fanden es toll, ich bin über den Kuhdamm gerannt und fand es unfassbar kitschig und reaktionär, das hatte mit meinem Leben nichts zu tun. „Der Kirschgarten“ ist jetzt meine erste Tschechow-Inszenierung. Ich muss sagen, ich bin teilweise ganz schön geflasht. Es ist unglaublich, wie die Reflektionsebenen permanent durcheinander laufen. Kaum denkt, träumt, stolpert jemand, kommt schon der nächste Stolperer und Träumer und Denker. Man kann kaum einen Satz streichen, so dicht ist das. Dieser Mann scheint alles zu wissen über die Gefährdungen und Brüche in den Figuren oder in jedem von uns. Es ist mir absolut rätselhaft, wie jemand das schreiben kann.
Hoss: Er stellt, anders als ein Autor wie Gorki, keine Thesen auf. Er lässt uns mit einem liebevollen Blick zusehen, wie Menschen um ihr Leben kämpfen, sich abarbeiten und dabei beschreibt er sehr genau den Zustand, in dem dieses Land ist, zwei Jahrzehnte vor der Revolution. Und gleichzeitig ist alles, was er schreibt, so, dass wir uns heute genau darin wiedererkennen.
Kimmig: Er zoomt den einzelnen Moment unglaublich nah ran. Diese einzelnen kleinen Splitter, diese Momentaufnahmen sind enorm genau beobachtet. Man schaut auf einmal nicht nur analytisch, aus der sicheren Distanz darauf, man erkennt etwas von den eigenen Gefühlen darin wieder. Das ist alles andere als kitschig, er badet nicht im Gefühl, er setzt Moment neben Moment, das ist sehr lakonisch und knapp. Ich habe Tschechow ewig nicht inszeniert, weil ich das Gefühl hatte, das ist so perfekt geschrieben, das kann ich als Regisseur nur noch reproduzieren, und das war mir zu unfrei. Jetzt finde ich es toll, beim Arbeiten zu entdecken, wie unglaublich genau und klug das geschrieben ist.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

Der Kirschgarten Deutsches Theater, Fr 24., Sa 25.2., Sa 3.3., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 25

Mehr über Cookies erfahren