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„Nora“ am Deutschen ­Theater

Für seinen Versuch, Henrik Ibsens frühes Emanzipationsdrama vom späten 19. Jahrhundert in die Geschlechter-Verhältnisse des frühen 21. Jahrhunderts zu übersetzen, hat sich Stefan Pucher beim versierten Roman-Verwerter Armin Petras eine neue Fassung bestellt. In dieser Überschreibung hat sich das Dramen-Personal nicht nur die heutigen Banal-Sprachfloskeln zu eigen gemacht, es wirkt auch seltsam leer: Menschen, die nur aus ihrer Oberfläche, ihren Konsumgewohnheiten und ihrem Sozialstatus zu bestehen scheinen. Puchers Regie betont diese Banalisierung und Entleerung der Figuren, indem er die Schauspieler wie daueraufgekratzte Sprechpuppen der Konkurrenzgesellschaft agieren lässt: Gut gekleidetete Hohlformen. Vor allem die großartige Katrin Wichmann als die von ihrem Gatten Torvald (Komiker im Dauergrins-Einsatz: Bernd Moss) weniger unterdrückte als schlicht ignorierte und höchstens oberflächlich wahrgenommene Nora Helmer entwickelt aus diesem Zombitum das genaue Porträt der Suburbia-Upper-Middleclass-Blondine, die ihre ganze Kraft braucht, um den Druck, die Status-Angst und den Leerlauf ihres Lebens wegzulächeln. Parallel zum Bühnengeschehen der Gegenwart läuft im Hintergrund mit gleichem Darsteller-Personal ein Historienfilm in schwarz-weiß: betont altertümliche Textfassung, Bürgerkostüme, Frisuren und kontrollierter Habitus des 19. Jahrhunderts bilden parallel zum Bühnengeschehen eine Art Hintergrund- oder Kontrast-Folie: Früher wurde etwas steifer und formvollendeter gelogen. Was heute die leise nagende Statusangst und die Konkurrenz im Job ist, war früher der Zwang, geordnete, also erstarrte Familienverhältnisse aufrecht zu halten oder wenigstens vorzutäuschen.
Die Berliner Theaterkritik hat etwas unfair und ungenau auf diese Konstruktion der demonstrativ ausgestellten Entleerung der Figuren reagiert und dem Regisseur als sein Versäumnis vorgeworfen, dass die Menschen, die er zeigt, so seltsam leblos sind ­– als könnte Pucher etwas für die trostlosen Verhältnisse, die er seziert. Es ist nicht seine Schuld, dass man es sich bei diesen Ibsen-Zombies aus der Kältekammer des Pop-Theaters nicht nostalgisch gemütlich machen kann, im Gegenteil: Genau darin liegt die unübersehbare Qualität dieser Inszenierung.     

 

Text: Peter Laudenbach

Foto:
Arno Declair

Deutsches Theater Do 17., Do 31.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel.: 28 441-225

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