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Nostalgisches Revolutionspathos beim Theatertreffen: „Marat“

Zum Abschluss bot das insgesamt eher enttäuschende Theatertreffen noch mal einen lustigen kleinen Aufreger: Volker Löschs angeblich politisch radikale Hamburger Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ lieferte, wenn nicht Diskussionsstoff so doch zumindest die Behauptung, das Theater sei an der außertheatralischen Wirklichkeit interessiert. Lösch montiert Peter Weiss‘ “Marat“-Stück mit den wütenden und ratlosen Statement eines Chors von Hamburger Arbeitslosen, die als graue Masse Mensch, eingeschlossen von Gummiwänden mit einem Lidl-Aldi-Logo-Mix Prekariats-Elend illustrieren.

Der Beginn der Aufführung ist für Löschs Verhältnisse erstaunlich differenziert: Chormitglieder berichten aus ihrem Leben im sozialen Abseits. Das hat Kraft, weil die Inszenierung hier die Einzelbiografien ernst nimmt und weil die Zahlen aus den Hartz IV-Statistiken Gesichter bekommen. Aber danach setzt gnadenlos Löschs leer laufende Theatermaschinerie mit ihren klischierten Pathos-Formeln ein: Revolutionäre Führer von Marat bis Castro, Lenin und, Achtung: Scherzartikel!, Lafontaine marschieren als Volltrottel auf, die das nach einem Führer dürstende Volk wieder und wieder enttäuschen und verraten. Über den Zynismus, mit dem reale Hartz IV-Empfänger hier als Wut-Lieferanten benutzt werden, hat Till Briegleb im TIP das nötige geschrieben. Mindestens genau so unangenehm ist Lösch krudes Weltbild. Indem er Weiss‘ Revolutionsstück mit den Auftritt der Hamburger Arbeitslosen kurzschließt, deutet er an, dass sich dieses gemütliche Wohlfahrtsland auf eine revolutionäre Situation zu bewegt oder dass angesichts des moralischen Skandalons der Armut in einem reichen Land zumindest soziale Unruhen notwendig und wünschenswert seien. So weltfremd und naiv können vermutlich nur Theaterleute sein.

Indem Lösch Revolutionskitsch mit Hartz-IV-Elend kurzschliesst, wird er beidem nicht gerecht: Die Arbeitslosen werden als billige Erregungs-Verstärker eingesetzt und nebenbei als depravierte Masse denunziert, der Text von Weiss wird als Pathos-Lieferant benutzt und eben genau nicht auf seine heutige Relevanz hin befragt (die vermutlich ohnehin gegen Null geht). Freundlicher Beifall der Besserverdienenden in den vorderen Reihen des Zuschauerraums.

Text: Peter Laudenbach

Marat
am Mo 18.5. im Haus der Berliner Festspiele

Weitere Rezensionen zum Theatertreffen:

KLEINKUNST: ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH 

SCHILLERND: „DIE RÄUBER“

KLAMOTTE: „DER PROZESS“

EDELBOULEVARD: „HIER UND JETZT“

SCHMUCKSTÜCK: „WUNSCHKONZERT“

GRANDIOSES DA-DA-STÜCK: „EINE KIRCHE DER ANGST VOR DEM FREMDEN IN MIR“

 

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