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Performance

„Not my Revolution, if…: Die Geschichte der Angie O.“ im HAU 1

Protest und andere Dienstleistungen und eine Abrechnung mit Fair Trade à la Starbucks: Das Kollektiv andcompany & co geht es in „Not my Revolution, if…: Die Geschichte der Angie O.“ ums Moral-Business auf Hochkonjunktur

Foto: Doro Tuch

Das Performancekollektiv andcompany & co hat Stücke über deutsche Kolonialisten in Afrika, über Jakob Michael Reinhold Lenz, über Kriegserklärungen, Flüchtlinge, Heiner Müller und Niklas
Luhmann gemacht. Bei ihnen geht es nicht um Befindlichkeiten, sondern um die großen, harten Themen, gerne sehr vielschichtig und mindestens doppelbödig, gerne mit großen historischen und literarischen Echoräumen. Mit ihrem neuen Projekt „Not my Revolution, if…: Die Geschichte der Angie O.“ wollen sie nicht weniger, als die Geschichte der politischen Protestbewegungen der letzten 25 Jahre samt ihrer Paradoxien und Widersprüche mit den Mitteln des Theaters sezieren – von den frühen Antiglobalisierungs-Demos bis zu Occupy Wallstreet.
Alexander Karschnia, neben Nicola Nord und Sascha Sulimma einer der drei Köpfe des andcompany-Kollektivs, versteht aus teilnehmender Beobachtung einiges von Protestbewegungen: bei Schlingensiefs Kunstpartei Chance 2000 wirkte er als hessischer Landesvorsitzender mit. Aber anders als Schlingensief setzt andcompany nicht auf Aktionskunst, sondern auf die Bühne als Reflexions- und Spielraum.
Der Untertitel des neuen Stücks ist reichlich ironisch: Die „Geschichte der Angie O.“ koppelt nicht nur den Titel eines Porno-Klassikers mit dem Vornamen der Bundeskanzlerin. Das Wortspiel lässt sich auch als „die Geschichte der NGO“, der Nichtregierungsorganisation lesen. Die Professionalisierung sozialer Bewegungen produziert ihre eigenen Ambivalenzen – zum Beispiel die, dass die Arbeit für eine NGO zum neuen Trendberuf geworden ist. „Der Satz „Ich will zu einer NGO“ ist das neue „Ich will irgendwas mit Medien machen“, beobachtet andcompany-Regisseurin Nicola Nord.
Das Moral-Business hat Hochkonjunktur. Politische Aufgaben an NGOs zu delegieren und damit die politische Verantwortung von Regierungen an den freien NGO-Markt auszusourcen, passt fatal ins neoliberale Mantra von weniger Staat und mehr Markt, argumentiert Alexander Karschnia. Schließlich kann sich Moral-Dienstleistung rechnen – bis man kaum noch zwischen NGO und Unternehmen, ethischem Konsum und Lifestyle, Kapitalismus und Protestbewegung unterscheiden kann. Dass ein Konzern wie Starbucks Steuervermeidung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse problemfrei mit Fair-Trade-Folklore und Hipster-Ambiente zu verbinden weiß und sich gibt wie die Fortsetzung der Studenten-WG-Küche mit marktwirtschaftlichen Mitteln, ist in dieser Perspektive nur folgerichtig.
Wie Moral-Business und Marktanteile zusammenhängen, rechnet in der andcompany-Inszenierung eine Aktivistin einem interessierten Unternehmer vor: „Investieren Sie in moralische Kaufkraft. Nächstenliebe ist Service, und Service ist Dienst am Kunden.“ Klingt modern, ist aber aus Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, das die andcompany nonchalant in die Gegenwart fortschreibt.

HAU 1 Do 24.11., Mo 28.11., 20 Uhr, Fr 25.11., Sa 26.11., 20.30 Uhr, Eintritt 13,20–16,50, erm. 11 €

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