Theater

Novoflots „Weihnachtsoratorium“ im Radialsystem

WeihnachtsoratoriumAus ihrer Verachtung des gedankenlosen Konsums von Bachs Weihnachtsoratorium machen die Macher von Novoflot keinen Hehl: Das Lallen der Oboen sei zum beschallenden Status quo des deutschen Wohnzimmers geworden, schimpfen sie im Vorfeld der Aufführung ihrer Version des Barock-Evergreens. „Jeder glaubt, das Stück zu kennen“, sagt Novoflot-Kopf Sven Holm, „aber meist beschränkt sich diese Kenntnis auf wenige Hits wie ‚Jauchzet, frohlocket‘ oder ,Bereite dich, Zion‘“. Die zweite Hälfte der sechsteiligen Kantatensammlung dagegen sei so gut wie unbekannt – jene Stücke, in denen es nicht nur um festliche Krippenstimmung geht, sondern in denen auch vom Fiesling Herodes die Rede ist und von der Angst, dass die Hoffnung verloren gehen könnte.

Auf diese verschatteten Kantaten kommt es Holm bei seiner Fassung vor allem an: Wenn sich das Publikum am Ende zur glanzvollen Aufführung der Kantaten eins bis drei im großen Saal des Radialsystems versammeln wird, soll es zuvor all die Gefühle von Unsicherheit und Anfechtung schon durchgemacht haben, von denen im zweiten Teil die Rede ist. Ein Leidensweg, den im Radialsystem jeder ganz buchstäblich selbst geht. In Gruppen aufgeteilt sollen die Zuschauer in den Sälen des Radialsystems anhand archetypischer Situationen „Menschen erleben, denen das Wasser bis zum Hals steht“ – Bachs Musik wird, kräftig durcheinander gerüttelt, zu einer Betriebsweihnachtsfeier erklingen, aber auch zu einem Albtraum vom Kindermord zu Bethlehem, für den Novoflot die Brachfläche auf dem gegenüberliegenden Spree­ufer bespielen wollen.

Für das ebenso ambitionierte wie kostspielige Projekt hat Holm eine umfangreiche Förderung durch die Bundeskulturstiftung und das Land Berlin losgeeist – eine Bestätigung dafür, dass sich Novoflot als Berlins experimentierfreudigste Off-Operntruppe seit der Gründung 2002 etablieren konnte. Im Vergleich zum Weih­nachtsoratorium nehmen sich allerdings die bisherigen Novoflot-Produktionen – wie die mehrteilige, zwischen 2005 und 2007 entstandene Opernsaga „Kommander Kobayashi“ – aus wie kleine Fische: Mit dem Karl-Forster-Chor und dem Knabenchor Berlin, dem Solistenensemble Kaleidoskop, der Jazzformation Bauer 4 und dem klassikaffinen Architektenbüro Graft macht sich diesmal eine ganze Hundertschaft daran, die neue Sehnsucht nach Jesus mithilfe barocker Klänge zu definieren.

Text: Jörg Königsdorf
Foto: Sebastian Bolesch

Termine: Weihnachtsoratorium von Novoflot
im Radialsystem V, Premiere: Mi 16.12. (P), 19 Uhr bis 27.12.

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