Tragödie

„Ödipus und Antigone“ am Maxim Gorki Theater

Der junge gefeierte Regisseur Ersan Mondtag macht sich ein Späßchen mit Ödipus und Antigone – etwas oberflächlich, aber mit Pop-Appeal

Foto: Armin Smailovic

Jemandem dabei zuzusehen, wie er langsam verendet und noch ein wenig röchelt, ist natürlich ein ergreifender Anblick. Vor allem, wenn diese Sterbe-Arie von Benny Claessens mit der Anmut eines gestrandeten Walfischs dargebracht wird. Der Todeskandidat liebt es dramatisch, er ruft nach seiner Tochter („Antigone is coming!“), und auch das eigene Ableben wird ausgiebig kommentiert: „Ich bin dahin.“

Aber weil das Sterben auf der Bühne auch nur ein Job ist, steht Benny Claessens nach vollbrachtem Ableben zufrieden auf und marschiert lässig von der Bühne: Wieder was geschafft! So funktioniert der ganze Abend, an dem Ersan Mondtag am Maxim Gorki Theater angeblich „Ödipus und Antigone“ inszeniert: Große Opern-Arien, den Regler für die Drama-Queen-Auftritte bis zum Anschlag hochgezogen – aber, ätsch, ganz ernst ist das natürlich nicht gemeint. Weil die kleinen knalligen Nummern nicht allzu weit tragen, hat Mondtag in das 90-Minuten-Potpourri gleich noch Szenen aus zwei anderen antiken Tragödien, „Sieben gegen Theben“ und „Ödipus auf Kolonos“, untergerührt.

Mondtag, der gerade zum zweiten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen und damit sozusagen amtlich unter Genie-Verdacht gestellt wurde, tranchiert die Tragödien mit der Unbekümmertheit eines Kindes, das seine Spielzeugpuppen zerlegt, um zu sehen, was in ihnen steckt. Dann spielt er gutgelaunt mit den Einzelteilen, um sie nach wenigen Minuten gelangweilt fallen zu lassen und nach neuen Ablenkungen Ausschau zu halten.

Das ist zwar reichlich oberflächlich, hat aber ordentlich Pop-Appeal. Claessens’ Ödipus gleicht in Frisur und Auftritt der Elektropunk-Musikerin Beth Ditto, während er sich im outrierten Spiel eher an der Camp-Ikone Divine orientiert. Onkel Kreon (Aram Tafreshian) trägt einen langen weißen Bart wie der Weihnachtsmann und ist auch sonst etwas debil. Ödipus Tochter Ismene (die eigentlich sehr gute Schauspielerin Çiğdem Teke) ist eine Operettenfigur.

Aus der tödlichen Konkurrenz von Eteokles und Polyneikes, Ödipus’ Söhnen, machen Orit Nahmias und Yousef Sweid die Slapsticknummer eitler Schauspieler, die sich um ihre Rolle streiten. So wie diese Gebrauchsdiven Kleinigkeiten zu Tragödien machen, macht Ersan Mondtag aus den antiken Tragödien Kleinigkeiten. Weil die Antike schon so lange her ist, sind alle etwas in die Jahre gekommen, lauter närrische Greise mit weiß zugespachtelten Gesichtern.

Ganz oben, am Ende der blutrot lackierten Freitreppe (Bühne: Julian Wolf Eicke), steht als Puppenhaus das Hotel des Grauens aus Hitchcocks „Psycho“ – schließlich hatte der Hotelbewohner Norman Bates ähnlich wie der arme Ödipus auch ein etwas kompliziertes Verhältnis zu seiner Mutter.

Macht sich Mondtag bei „Ödipus“ noch die Mühe, die entscheidenden Stationen der Handlung zumindest grob abzuhaken, begnügt er sich bei „Antigone“ mit einem Einfall: Wir sind in einem Zombiefilm, Kreons Verwandtschaft versteckt sich vor den Untoten, die draußen umgehen. Das ist zwar auch nur wieder einer dieser schnell verpufften Scherzartikel-Einfälle, aber zumindest auf der Meta-Ebene überaus passend: Was Ersan Mondtag macht, ist un­totes Theater, in dem die Zombies der ausgesaugten Theaterfiguren umgehen.

Maxim Gorki Theater Sa, 25.3., Sa, 29.4., So, 30.4., 19.30 Uhr, Eintritt 10–34 €

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