Theater

„The Offside Rules“ im Hau 1

macrasAls 1978 die Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien ausgetragen wurde, lebte Con­stanza Macras in Buenos Aires und war gerade mal acht Jahre alt. Sie kann sich trotzdem gut daran erinnern. Es war das Jahr, in dem Constanzas Vater klar wurde, dass seine Kinder auf Dauer nicht in diesem Land bleiben, sondern spätestens nach Beendigung der Schule ins Ausland gehen sollten. Constanza Macras (Foto oben) sitzt im Büro ihres neuen Proben-Studios Location in der Klosterstraße. Eigentlich will sie von ihrem neuen Stück erzählen, „The Offside Rules“, das sie im letzten Sommer in Johannesburg zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 mit drei Tänzern aus ihrer Compagnie Dorky Park und sieben südafrikanischen Tänzern erarbeitet hat. Jetzt kommt es ins HAU 1. Aber erst einmal muss sie über Argentinien reden. Darüber, dass in Buenos Aires in unmittelbarer Nähe zum River-Plate-Stadion, in dem damals viele Spiele der Weltmeisterschaft ausgetragen wurden, das Gebäude lag, in dem die Militär-Junta ihre politischen Gefangenen folterte. Darüber, dass die Junta während der Spiele dazu überging, ihre gefolterten und unter Drogen gesetzten Gefangenen vom Helikopter aus über dem Rio de la Plata abzuwerfen. Dass die Folterer zu ihrer Gaudi einige politische Gefangene im Auto durch die Stadt fuhren, während draußen die Massen die WM feierten – damit sie sehen, dass sich niemand für sie, die Verschwundenen, interessiert. „Das ist jetzt 38 Jahre her. Aber am Prinzip hat sich nichts geändert. Dieses ganze Gerede von der Weltmeisterschaft als etwas, das die Menschen der Welt und die unterschiedlichsten Schichten miteinander verbindet, das ist Bullshit“, sagt Constanza Macras. Punkt.

the-Offside-RulesAls das Goethe-Institut Constanza Macras fragte, ob sie Interesse habe, ein Stück zum WM-Kulturprogramm („Football meets culture“) beizusteuern, sagte die Choreografin sofort zu. „The Offside Rules“ handelt von den unschönen Seiten der Weltmeisterschaft, von dem, was jenseits des offiziellen Programms geschieht. Die meisten der sieben Tänzer, die die Choreografin in Südafrika gecastet hat, kommen aus Soweto, den South Western Townships von Johannesburg, von dort also, wo auch Soccer City liegt, das größte Fußballstadion Afrikas. „Aber es verbindet sich nicht“, sagt Constanza Macras, „Soccer City und die Townships drum herum sind zwei verschiedene Welten.“ Noch weniger verbindet sich der Verkehr zwischen den unterschiedlichsten Teilen der Stadt. Aus den Townships gibt es beispielsweise keinen Bus zum Flughafen und keinen zur Universität. „Man kann nicht studieren und in den Townships leben, weil man schlicht nicht zur Universität kommt“, sagt Macras. „Es gibt keine Rassentrennung mehr, aber stattdessen eine in Klassen, in Arm und Reich.“ Und dass sich daran wenig ändert, dafür sorgt schon das System der Verkehrsmittel, das den Touristen einen guten Service  bietet – und den Armen in den Townships nicht einmal das Notwendigste. Das komplizierte System von privaten Minibussen, mit denen man sich aus den Townships bewegt, bildet so etwas wie den Ausgangspunkt für „The Offside Rules“. Menschen treffen sich im Bus, unterschiedliche Lebensgeschichten kollidieren miteinander.   

the-Offside-RulesConstanza Macras, die nach Stationen in New York und Amsterdam seit 1995 hauptsächlich in Berlin lebt, befragt in ihren Stücken ihre Tänzer wie eine Ethnologin. Sie arbeitet schon lange so und ist dabei immer wieder auf ähnliche Funde gestoßen. Nämlich auf die Schichten gemeinsamer Kino- und TV-Erfahrung, die sich tief im kollektiven Unterbewusstsein abgelagert haben. Stück für Stück hat Macras so entwickelt, hat in rasantem Tempo kleine und kleinste Splitter davon ineinander montiert, hysterisch, peinlich, entblößend, laut. Ist dafür nach Sao Paulo, nach Indien („Big in Bombay“) oder nach Buenos Aires („Bricklands“) gereist. Es ist nicht so, dass sich die Choreografin für die Gehirnwäschen der Unterhaltungsindustrie nicht mehr interessieren würde. Aber irgendwann fingen ihre Stücke an, nur noch den immer gleichen Tonfall zu wiederholen. Auch wenn Macras die Macken und Besonderheiten ihrer Performer hervorragend in Szene zu setzen und in immer feineren Verästelungen auszudifferenzieren weiß, wurde so die Spielweise etwas schal. Natürlich sind Macras‘ Inszenierungen nach wie vor laute, chaotische Überforderungen, die mit Simultanität und einem Overkill an Bildern arbeiten. Immer muss man überall gleichzeitig hingucken, passieren viele Dinge im selben Moment. Gleichzeitig wird aber etwas anderes immer wichtiger, nämlich die Unterschiede. In Johannesburg hat Macras auch traditionelle Zulu-Tänzer engagiert – die allerdings ihren traditionellen Tanz nur in einer kurzen Szene zeigen. Und mit nacktem Oberkörper tanzt zu den Zulu-Drums der Musiker sowieso nur eine einzige Tänzerin, eine weiße. „Das“, sagt Constanza Macras, „hat für die größten Irritationen in Johannesburg gesorgt. Dass die schwarzen Tänzer angezogen bleiben und eine Weiße nackt ist.“

the-Offside-RulesMacras selbst befindet sich schon mitten in den Proben für ihr nächstes Stück, „Berlin Else­where“, das Mitte April in der Schaubühne herauskommen wird. Es ist eine Fortsetzung ihrer Städteerforschung. Diesmal praktischerweise an ihrem Wohnort. Für die Mutter eines bald zweijährigen Sohnes ist das bei aller Reiselust ein ziemlich wichtiger Umstand. Irgendwann Mitte Januar soll es in ihrem neuen Probenstudio ein erstes öffentliches Showing von „Berlin Elsewhere“ geben. Ebenfalls möglichst schon ab Januar sollen dort, nach der großen Eröffnung im letzten August, einmal im Monat die Partys stattfinden. Den riesigen, 400 Quadratmeter-Raum in der Klosterstraße 44 hat Macras schon mal partyfreudig „Club 44“ genannt – in Anlehnung an das legendäre New Yorker Studio 54. Die geplanten Partys könnten auch „Berlin Elsewhere“ heißen, denn sie werden etwas wiedergeben von den Berliner Subkulturen und Migranten-Communities. „Es ist überall dasselbe, die Menschen aus den Ländern tun sich zusammen“, sagt Macras. Sie weiß, wovon sie redet. Für sie selbst war ein Empanada-Stand der Schlüssel zur argentinischen Community in Berlin. Es ist eine Art von Parallel-Leben, das für alle, die nicht dazugehören, unsichtbar bleibt. Constanzas Partys wollen das, zumindest für eine Nacht, ändern. Natürlich wird eine argentinische Party auf dem Programm stehen und eine koreanische, ausgerichtet von der Tänzerin Hyoung Min-Kim, mit entsprechenden Drinks, Food, Musik. Es ist eine typische Constanza-Idee. Auch wenn sie inzwischen Mutter ist und die Zeiten, als sie im Berliner Nachtleben gemeinsam mit Lisi Estaras auf den Tischen tanzte und auf der Toilette der Schaubühne ihre ersten Performances zeigte, lange vorbei sind: „Party ist wichtig, das muss sein“, sagt sie und seufzt. Und wie immer hat sie viel zu viele Pläne auf einmal. Sie möchte Talks in ihrem Studio 44 haben. Weil sie im Laufe der vergangenen Jahre überall auf der Welt Menschen kennengelernt hat, die, wie Constanza sagt, „auf eine Weise zu denken und zu reden verstehen, dass man in einer Stunde, in denen man ihnen zuhört, mehr versteht, als wenn man alleine liest“.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Market Theatre Johannesburg

The Offside Rules 15. bis 19. Januar im HAU 1, Karten unter 25 90 04 27

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