Theater

„Ohne Titel Nr.1“ in der Volksbühne

Eigentlich war die Sache klar: Nach Herbert Fritschs Dada-Kunstwerk „Murmel Murmel“, bei dem das Volksbühnen-Ensemble seine extra-ordinären Slapstick-Qualitäten entlang einer einzigen Vokabel entfaltete, konnte die Fortgeschrittenen-Stufe eins nur lauten: „Ohne Titel Nr. 1“, ergo: ohne Worte. Dafür aber mit einem handverlesenen (Musik-)Instrumentenaufgebot: Zu Beginn lässt Fritsch, der sich immerhin klar aufs Genre Oper festgelegt hat, das Ensemble im Orchestergraben aufmarschieren und angemessen weihevoll dem Dirigat des Maestros Ingo Günther entgegen lauern.

Wolfram Koch beispielsweise bereitet sich mit todernster, hoch konzentrierter Miene auf seinen anspruchsvollen Einsatz am Papiertaschentuch vor, das – ähnlich dem hochkulturellen Paukenschlag – ungefähr einmal pro Satz unter Mikro-Verstärkung maximal virtuos zu zerknüllen ist. Andere Kollegen reüssieren – super Abend-Auftakt – in nämlicher Hochkultur-streberpose an Triangel, Säge oder Holzbrett.

Apropos Holz: Aus bestem Berliner Dielenboden–Imitat besteht auch das überdimensionale Sofa in der Bühnenmitte, dass die Akteure – von Victoria Behr in angemessen halbseidenen Glitzer-Chic gehüllt – im Anschluss an die Orchestergraben-Nummer wechselweise erstolpern, erspringen oder plattsitzen. Hier werden nonverbal Arien parodiert, bewährte Klassiker der Strumpfhosen-Choreografie, mit denen andere Häuser ihre Zuschauersäle durchaus humor-signalfrei füllen, lustig durch den Ironiewolf gedreht und inbrünstig Gruppentableaus nachgestellt, wahlweise mit oder ohne hölzernen Pfahl.  

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Von einer Art Genre-Neuerfindung durch die Meister Fritsch und Günther kann man dabei insofern sprechen, als die Bühnenakteure und die Cracks im Orchestergraben (neben Multi-Tasker Günther der Pianist Fabrizio Tentoni und der Schlagzeuger Michael Rowalska) hier tatsächlich live und wahrhaftig miteinander spielen; im Ursinne des Wortes – und mit allen entsprechenden Konsequenzen. Wird unten ein Ton angeschlagen, kommt von oben statt der üblichen mimischen Vollstreckung eher ein dadaistisches Weiterspielangebot zurück usw.
Jeder kriegt sein uneingeschränktes Rampensau-Solo, das er sich von so banalen Zwängen wie Effektivität oder Zielgerichtetheit selbstredend nicht kannibalisieren lässt. Ruth Rosenfeld, die tolle Protagonistin aus Fritschs „Frau Luna“, nutzt die Gelegenheit zum Beispiel, um vorzuführen, wie viel man im Opern-Genre auch jenseits von Koloraturen mit seiner Zunge anstellen kann. Nora Buzalka und Werner Eng zweckentfremden die Sofalehne zum Reling-Substitut und steigen in beredter Fantasiesprache amerikanischen Idioms tiefer in die Hollywood-Romanze ein, als den Universal-Studios lieb sein kann.

Weiterlesen: Benedict Andrews Operndebüt: „Der feurige Engel“  

Andere Kollegen bieten virtuose Sofalehnenhängechoreografien, musikalisch ausdifferenzierte Furz-Performances oder variantenreiche Sprungbrett-Einlagen auf. Bei so viel Einsatz ist es völlig logisch, dass der Trupp nach Art überdrehter Spieldosen-Figuren immer mal wieder hoffnungslos erschlafft und von Günther mittels ausgefeilter musikalischer Apparaturen reanimiert werden muss: die Geburt der Komödie aus dem Geiste der Musik. Kurzum: Freunde des Dada und des selbstvergessenen Sandkastenspiels werden diesen Abend lieben.

Text: Christine Wahl

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herbert Fritsch, Volksbühne Karten-Tel. 24 06 57 77                                                                                                                      

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