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Gegenwartsdramatik

Oliver Reese seine neue Inszenierung „Wheeler“ am Berliner ­Ensemble

Männer in der Krise: „Das ist die Coming-of-Age-Geschichte eines 50-Jährigen – Oliver Reese über den Zustand des Berliner ­Ensembles – und seine neue Inszenierung „Wheeler“

Foto: Jonas Holthaus

tip Herr Reese, in der Mitte Ihrer zweiten Spielzeit am Berliner Ensemble – sind Sie zufrieden mit dem Zustand Ihres Theaters?
Oliver Reese Wenn ich zufrieden wäre, wäre ich ein schlechter Intendant. Das ­Theater läuft gut, das Ensemble ist stark und hat sich eingespielt, uns sind einige gute Aufführungen gelungen, über die ich sehr glücklich bin. Aber wir sind noch längst nicht da, wo wir hinwollen.

tip Wo ist das?
Oliver Reese Ich wünsche mir, dass wir mehr neue Stücke auf der großen Bühne zeigen können, wie wir es in dieser Spielzeit unter anderem mit Inszenierungen von Simon Stone und Árpád Schilling machen.

tip Sie sind am BE mit dem Programm angetreten, Gegenwartstheater mit neuen Stücken und aktuellen Stoffen zu machen. Der Leiter des für Stückentwicklungen zuständigen Autorenprogramms, der Schriftsteller Moritz Rinke, hat das BE ohne sichtbare Ergebnisse nach einer Spielzeit verlassen, demnächst kommt sein neues Stück am Deutschen Theater zur Uraufführung. Die beiden wichtigsten Regisseure am BE, Frank Castorf und Michael Thalheimer, inszenieren am liebsten Klassiker. Die überzeugendste Inszenierung eines jüngeren Stücks ist Robert Borgmann mit „Krieg“ von Rainald Goetz gelungen, ein Stück, das vor über 30 Jahren geschrieben wurde.
Oliver Reese Und wie wichtig war es trotzdem, es endlich in Berlin groß zu zeigen! Ganz so einseitig ist unsere Bilanz nicht. Wir haben mit einer Uraufführung von Karen Breece die Spielzeit eröffnet. Simon Stone und Kay Voges, zwei Autoren-Regisseure, haben in dieser Spielzeit mit „Griechische Trilogie“ und „Parallelwelt“ zwei große Uraufführungen inszeniert. Árpád Schilling ist der dritte Autoren-Regisseur, der in dieser Spielzeit eine Uraufführung auf der großen Bühne zeigt. Und die ersten beiden Stücke aus dem Autoren-Programm folgen im Februar und April – neue Stücke brauchen einfach Zeit.

tip Sie selbst inszenieren die deutsche Erstaufführung des neuen Stücks des US-Dramatikers Tracy Letts, „Wheeler“. Ein Mann Anfang fünfzig, nach der Scheidung in der Midlife-Crisis, fängt eine Beziehung mit einer 30-Jährigen an, die sich in ihn verliebt, und hat parallel eine Affäre mit einer 20-Jährigen. Entschuldigung, aber ist das der sexistische Wunschtraum mittelalter Männer?
Oliver Reese Das Schöne bei Tracy Letts ist, dass er von großen Themen handelt, aber nicht auf der Oberfläche – da erzählt er ganz konkrete Alltagsgeschichten. Das macht einen großen Theaterautor aus. Er ist selber Schauspieler, er geht vom Dialog und den Figuren aus. Man könnte die Geschichte von „Wheeler“ auch ganz anders erzählen. Dieser Mann, Wheeler, ist tief dem alten Kulturgut verhaftet, er liebt die Filme von Bergmann und Kubrick und Popmusik der 1980er, Steely Dan. Er ist kein Trump-Wähler, obwohl männlich, 50, weiß und Loser. Dieses Porträt zeichnet Tracy Letts und setzt diesen Mann zwischen zwei Frauen, die Dreiecksgeschichte ist nur ein Anlass für das Portrait einer Generation und einer Diagnose der USA unter Trump. Ich lese „Wheeler“ als politisches Gegenwartsstück.

tip Auf die Vermutung, dass diese Figurenkonstellation nicht ganz frei von Sexismus und männlichem Wunschdenken ist, haben Sie jetzt nicht geantwortet.
Oliver Reese Naja, die Geschichte geht ja nicht gut für ihn aus. Das Stück entwickelt sich weißgott nicht als männliche Wunschphantasie. Er ist zu Beginn an einem Tiefpunkt, er schläft in der Garage seiner Ex-Frau, sein 14-jähriger Sohn spricht nicht mehr mit ihm und surft online durch harte Porno-Seiten. Wheeler landet in einer schäbigen Wohnung und arbeitet in einem Foto-Geschäft. Er ist ein Misanthrop und ein verhinderter Künstler, der davon geträumt hat, Fotograf zu werden, er verachtet die Infantilisierung der Popkultur und ist irgendwo in den 1980er Jahren stecken geblieben, aber er hält trotzig an seinen Idealen fest. Diese Figur ist komplex, ein gebrochener Charakter. Und die Geschichte ist auch gebrochen und vielschichtig. Letts nennt es die Coming-of-Age-Geschichte eines 50-Jährigen. Ein Männerstück ist es nur an der Oberfläche. Die beiden Frauen, denen er begegnet, sind auf sehr unterschiedliche Weise starke Persönlichkeiten, die sich wesentlich klarer verhalten als dieser verunsicherte Mann in der Krise.

tip Und beide Frauen kreisen um das Zentralgestirn, den misanthropischen Mann.
Nein, sie treffen klare Entscheidungen, am Ende ist Wheeler alleine. Tracy Letts hat mit „Wheeler“ auch eine Komödie geschrieben und ein Stück fast wie ein Kontrastprogramm zu „Eine Frau – Mary Page Marlowe“, das wir ja auch noch immer im Spielplan haben. Ihre Beschreibung des Stücks klingt eher wie ein finsteres B-Movie, das ist es nicht. Das Stück hat Humor und nimmt zum Beispiel Wheelers Männer-Misanthropie ziemlich lustig auf die Schippe. Und es ist ein politisches Stück, eine Innenansicht der unteren Mittelschicht der USA. Letts zeigt diesen weißen, heterosexuellen, wirtschaftlich abgehängten Mann in der Krise differenzierter als die Klischees, die wir vom weißen, amerikanischen Mann im Kopf haben. Neben Wheeler lernen wir Michael kennen, Wheelers Chef und ein schlimmer Sexist, und Wheelers besten Freund, Paul, glücklich aber langweilig verheiratet. Irgendwann kommt Paul auf die bittere, vielleicht auch ganz normale Erkenntnis, dass sich das alles vielleicht nicht lohnt. Und selbst das erzählt Tracy Letts mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit. Das Stück ist voller Pointen, Tracy Letts erzählt diese Geschichte eines Losers bitter und komisch. Den Schauspielern und mir macht das Stück bei den Proben jedenfalls großen Spaß.

Termine: „Wheeler“ am Berliner Ensemble Karten 22 – 29 €

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