Theater

Operette: „Frau Luna“ an der Volksbühne

FrauLunaDie himmlischen Heerscharen sahen auch schon mal eleganter aus. Die Mond-Elfen tragen hautfarbene, eng anliegende Latexüberzieher mit spitzen Kopfbedeckungen und kurven auf Fahrrädern anmutig im Kreis. Offenbar ist der Mond von Ganzkörperkondomträgern bewohnt. Die Mondpolizei trägt Pickelhaube, und Prinz Sternschnuppe (Hubert Wild) schmückt sich mit einem gewaltigen Pelzumhang wie ein größenwahnsinniger Las-Vegas-Entertainer aus den 70ern (Kostüme: Victoria Behr).

Auch die Planeten kommen eher aus einem psychedelischen Comic als aus einem Astronomielehrbuch: Venus trägt einen gewaltigen rosaroten Puschel, Herr Mars macht einen leicht debilen Eindruck und produziert in Serie Kalauer jenseits der Schmerzgrenze: „Heute schon marstubiert?“Herbert Fritsch , geliebt wie berüchtigt für seine sinnfrei überdrehten Vaudeville-Künste, hat an der Volksbühne Paul Linckes Berliner Operette „Frau Luna“ inszeniert und daraus eines seiner verstrahlten Spektakel gemacht. Von Paul Linckes schmissig-grobschlächtigen Schlagern der vorletzten Jahrhundertwende („Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“), die eher nach preußischen Märschen als nach perlendem Operetten-Champagner klingen, ist wenig übrig geblieben. Stattdessen unterlegt der nicht genug zu rühmende Musiker Ingo Günther die Show mit seinem düster wummernden und silbrig abhebenden Sphären-Elektro-Soundtrack. Das erinnert aufs Schönste an die bizarren Klangwelten alter Science-Fiction-Filme, die Günther mit dem psychedelischen Post-Freejazz kurzschließt, mit dem sich Sun Ra in den 70ern auf seinem Moog-Synthesizer ins Weltall schoss: „Space is the place“, schließlich war Sun Ra davon überzeugt, selbst vom Saturn zu stammen. So bekommen die Abenteuer, die die Bolle-Berliner Steppke (Florian Anderer), Pannecke (Werner Eng) und ihre Vermieterin, die resolute Frau Pusenbach (Nora Buzalka) auf dem Mond erleben, etwas von einem Drogentrip in die unendlichen Weiten von Fritschs Parallel-Universum: Eine nostalgische Revue-Welt auf LSD.

Ebenso respektlos, wie Günther die Musik dekonstruiert, macht sich die Textfassung der Dramaturgin Sabrina Zwach über den Schenkelklopfer-Zoten-Humor von Heinrich Bolten-Baeckers Libretto lustig. Fritsch treibt die spießigen Herrenwitz-Anzüglichkeiten der Vorlage ein paar Umlaufbahnen weiter und in die Absurdität, bis die berühmten schwarzen Löcher des Weltalls unterm Rock gesucht werden und der Name von Steppkes Geliebter Mariechen (Annika Meier) zur prompt körpernah umgesetzten Aufforderung „Mal riechen“ verkalauert wird. Fritsch gelingen immer wieder schön verdrehte Choreografien und Musiknummern, etwa wenn der schwer erträgliche Gassenhauer von der Berliner Luft, Luft, Luft von einem Pianisten nach unendlich umständlichen Vorbereitungen und Slapsticknümmerchen mit zu niedrigem Klavierschemel nur kurz spöttisch angespielt wird, um anschließend vom Ensemble veralbert zu werden. Auch das gewohnt hochtourige Spiel der Fritsch-Kasper-Truppe, der Wille, sich keinen noch so blöden Witz entgehen und erst gar keine Subtilität aufkommen zu lassen – das ganze aufgekratzte Hans-Wurst-Theater ist bestens aufgelegt.

Dass sich die Show trotzdem etwas zäh zieht und nicht entfernt an Fritschs letzte Volksbühnen-Hits wie das Dada-Gesamtkunstwerk „Murmel Murmel“ oder die Boulevard-Farce „Die spanische Fliege“ heranreicht, liegt daran, dass Fritsch nicht wirklich eine Form gefunden hat, mit der dem dumpfen Brachial-Entertainment der Vorlage beizukommen wäre. Weil sich die Inszenierung weder für Pauk Linckes Flitzpiepen-Berliner noch für das Genre der Operette weiter interessiert, bleibt nur der beherzte Griff in die Witzkiste und der grenzenlose Mut, jede Peinlichkeit mit Wonne auszukosten. Das ist zwar stellenweise virtuos, kommt aber nicht darüber hinaus, sich von Nümmerchen zu Nümmerchen durch den Abend zu hangeln, ohne wirkliche Sogkraft und den fröhlichen Aberwitz von Fritschs besseren Arbeiten zu entwickeln.     

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

Frau Luna Volksbühne

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