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„Orfeo“ im Martin-Gropius-Bau

Die Hölle hatte man sich irgendwie auf­regender vorgestellt. In der Variation von Monteverdis Oper „L’Orfeo“, die sich die drei Regisseurinnen Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot ausgedacht haben, wird der Besuch in der Unterwelt zum Spaziergang durch sechs Zimmer. Einzeln, zu zweit, zu dritt sitzen, stehen, liegen dort gespenstisch leblose Blondinen in geschmackvoller Freizeitkleidung. Einmal verwandeln sie sich in ein erstarrtes Streich-Trio, manchmal in Arzthelferinnen in einem Wartezimmer, aber meistens starren sie unbewegt ins Nichts.
Es muss sich um Doppelgängerinnen Eurydikes handeln, die Tote, die ihr Geliebter Orpheus mit seinem Gesang aus dem Totenreich befreien will. Klangfetzen aus Monteverdis Oper wehen vorüber. In einem der Nebenzimmer, vielleicht dem Vorhof dieser Perfomance-Hölle, sitzen die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop und arbeiten sich in Endlosschleifen durch die Partitur. Auch sie haben sich mit blonden Perücken und weißen Latexmasken als Doubles der toten Blondinen verkleidet. Der dekorative Surrealismus kommt über den harmlosen Effekt nicht hinaus.
Das gilt auch für die liebevoll inszenierte Spießigkeit der gelben, roten oder pinken Eurydike-Zimmer, mal mit wuchtigem Ledersofa, mal mit Dusche oder roter Backstein-Tapete. Das Verfahren, Schauspieler mit Gesichtsmasken zu fast leblosen Puppen zu verfremden, hat Susanne Kennedy bekannt gemacht. Seit ihre zwei brillant unterkühlten Theaterinszenierungen („Fegefeuer in Ingolstadt“, „Warum läuft Herr R. Amok?“) zum Theatertreffen eingeladen wurden, wird sie als Star gehandelt.
In ihren klugen Theaterarbeiten sind die formalen Setzungen kein Selbstzweck, sondern verblüffende, zwingende Deutungen der jeweiligen Stücke. Hier allerdings werden sie zur kunstgewerblich eingesetzten Masche. Die Installation, durch die die Zuschauer in kleinen Gruppen und genau getaktet geschleust werden, benutzt den Mythos von Orpheus und Eurydike und den Soundtrack von Monteverdis Oper wie einen Bedeutungs- und Geschmacksverstärker, der die banalen Wohnzimmer der Zombie-Blondinen mit tieferem Sinn und abgründigen Assoziationen versehen soll. Über den den Orpheus-Mythos, die Oper, den Tod oder die Liebe erzählt das nichts. Einzig die Arie, die Hubert Wildt dem Besucher nach dem Ausflug ins Jenseits in einem weißen Zimmer wie in der Psychiatrie entgegensingt, entwickelt theatralische und emotionale Kraft.
Bei der Uraufführung bei der Ruhrtriennale war der Parcours in die wuchtigen Industrieruine eines alten Bergwerks eingebaut: Hölle mit Lokalkolorit. Jetzt kommen die Wartezimmer des Totenreichs in den Martin Gropius Bau.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Julian Roeder/ JU Ruhrtrienale

Martin Gropius Bau Fr 18.–So 20., Sa 27., So 27., Mi 30.9.–So 4.10., ?10 –19 Uhr, Einlass alle 10 Minuten, ?Karten-Tel. 25 48 91 00, www.berlinerfestspiele.de

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