Theater

Orfeo und Matsukaze im Schiller-Theater

Orfeo

Riesending-Fetischismus als Grundmotiv wäre einmal ein dankbarer Untersuchungsgegenstand im Hinblick auf das Tanztheater von Sasha Waltz. Der überdimensionale Blasebalg in „Körper“. Das gigantische Haifischbecken in „Dido und Aeneas“. Und das Holzgerüst, welches in „Matsukaze“ vom Himmel schwebt. Auch der riesige Faden- oder Algenvorhang gehört dazu, an dem Matsukaze und Murasame herumkrabbeln wie Maden. Gegen Schluss fällt ein gefährlicher Pfeilregen von oben herab, dessen Teile sich anheben lassen, als wär’s ein Teppich. Überreiche Ausbeute für Ding-Hermeneutiker.
Gleich zwei Waltz-Gastspiele bietet die Staatsoper in diesem Monat. „Matsukaze“, uraufgeführt 2011 in Brüssel, basiert auf einem der bedeutendsten No-Spiele, also der traditionsreichsten Form des japanischen Theaters. Die Titelheldin (ihr Name bedeutet „Wind in den Pinien“) kehrt als Geist an jenen Ort zurück, wo sie ihren Geliebten verloren hat. No-Spiele wurden in Japan ursprünglich von Samurais für Samurais aufgeführt. Auch heute sind traditionelle Vorstellungen noch streng reglementiert.
Toshio Hosokawas choreografische Oper lässt den Tänzern assoziativ freie Hand – oder, wie man fast sagen könnte: freien Fuß. Dass Waltz zur Abstraktion und Anonymisierung der verschlungenen Leiber und Menschen-Windräder neigt, ändert nichts an virtuosen Tigersprüngen und fliegenden Kriegern.
Mit Monteverdis „Orfeo“ komm Waltz’ neueste Opernproduktion zeitig nach Berlin. Die Produktion wurde bei der Premiere in Amsterdam 2014 von einigen Kritikern als „harmlos“ beschrieben. An einer Verschlankung der Formensprache lässt sich womöglich die Tendenz der Choreografin ablesen, sich von den – vom Offtheater geprägten – Bedingungen ihrer Vergangenheit langsam zu lösen. Zu oft ist ihre Forderung nach einem Tanzhaus in Berlin abschlägig beschieden worden. Zuletzt hatte sie feste Stellen ihrer Tänzer kündigen (oder diese in freie Arbeitsverhältnisse umwandeln) müssen.
So zeigt sich an leichten Glättungstendenzen bei Sasha Waltz der Zwang der Verhältnisse: Wer in Berlin schlecht behandelt wird, muss halt woanders Erfolg haben. Zugleich muss man sagen: Ihre für Berlin erdachten Choreografien waren meist radikaler.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Monika Rittershaus

Orfeo, Berliner Staatsoper im Schiller-Theater, Do 2.+Fr 3.7., So 5.+Mo 6.7., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

Matsukaze, Berliner Staatsoper im Schiller-Theater, Fr 10.–So 12.7., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

Mehr über Cookies erfahren