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„Orpheus in der Unterwelt“ in der Staatsoper im Schillertheater

OrpheusDas Schönste an Philipp Stölzls Inszenierung von Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ ist das Programmheft. Auf ein paar Seiten bekommt man da eine alphabetisch angeordnete Anthologie wesentlicher Texte über die Zusammenhänge zwischen Hedonismus und Revolte und eine kurze Geschichte der Hölle und des Hexameters geliefert. Daraus könnte man sich eine zeitgenössische „Orpheus“-Version zusammenträumen und wäre nicht auf die von Thomas Pigor (Text) und Christoph Israel (Musik) hergestellte Neubearbeitung angewiesen. Die Musik wurde für ein kleines Orchester mit Banjo und Schlagzeug umarrangiert, der Text gestrafft modernisiert. Man hat aus den mittlerweile vielleicht angestaubt alten, aber immerhin anarchisch bösartigen Witzen lahme neue gemacht. Der Abend beginnt mit dumpfer Kabarett-Routine, wenn sich eine der tragenden Figuren des Stückes namens die Öffentliche Meinung (Cornelius Obonya) mit fernsehkompatiblen Witzen über die Spaßgesellschaft auslässt. Dann nehmen die Dinge erst mal ihren gewohnten Lauf.

Orpheus (Stefan Kurt) und Eurydike (Evelin Novak, die einzige Sängerin im Ensemble) wollen sich scheiden lassen und benötigen dazu die Intrigen der moralisch degenerierten Götter. Jupiter (Gustav Peter Wöhler) wird von seiner Frau Juno (Irene Rindje) in Gestalt einer schwäbelnden (!) Schreckschraube heimgesucht, wirft auch ein Auge auf Eurydike, die von Pluto in die Hölle entführt wurde. Auftritt Ben Becker als Pluto, Herr der Unterwelt, heulend wie ein Schlosshund, zunächst in Verkleidung eines Schafhirten mit langem angeklebten Bart. Dieser Bart ist sinnbildlich für die gesamte Veranstaltung.
Es gibt schlicht zu wenig Musik und vor allem zu wenig Rausch in dieser Inszenierung. Allein der fantastische Chor der Staatsoper vermag bei seinen Auftritten als verniedlichte Form der Chorus Line zu überzeugen. Das Problem der Inszenierung heißt Niedlichkeit. Niedliches Schwäbeln, niedlicher Bart, niedliches Bühnenbild mit niedlichen Detailverliebtheiten in aufklappbarem Pappzeugs wie bei einem Adventskalender.

Bekanntlich endet „Orpheus in der Unterwelt“ aber mit einer Orgie in der Hölle. Mit Schnaps und Lethe-Wasser und Cancan. Aber eine niedliche Orgie, wohin soll das denn führen? Es ist bizarr, einen Ben Becker, die Verkörperung selbstgefälliger Plumpheit, als Hausherr der Hölle direkt ins Publikum sagen zu lassen: „Die Leute wissen ja nicht, dass sie mit der Karte auch die ewige Verdammnis gekauft haben.“ Wer Becker unnötigerweise ernst nimmt, hätte genau diese Strafe verdient.    

Text: Andreas Hahn

Foto: Matthias Baus

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orpheus in der Unterwelt Staatsoper im Schillertheater, 23. + 28.12., 4. + 17.1., 19.30 Uhr; 25.12., 18 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

INTERVIEW MIT REGISSEUR PHILLIP STÖLZL

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