Theater

„Out of Context“ im HAU 1

contextAlain Platel ist seit mindestens einem Jahrzehnt einer der aufregendsten Choreografen Europas. Und in seiner Kunst wahrscheinlich der menschenfreundlichste und, völlig kitschfrei, der warmherzigste. „Out of Context“, das Stück, mit dem der Belgier jetzt ins HAU kommt, ist einer Ikone des Tanztheaters gewidmet: Pina Bausch.
Das hat, unter anderem, autobiografische Gründe. Als Platel noch Heilpädagoge war und in seiner Wohnung in Gent mit seinen Freunden an ersten eigenen Stücken rumprobierte, gastierte irgendwann Pina Bauschs Tanztheater in der Stadt.

„Das war für uns eine Erleuchtung“, sagt Alain Platel viele Jahre später und gluckst bei der Erinnerung vor Vergnügen. Damals wussten Platel und seine Freunde nur, dass sie irgendwie Bühnenkunst machen wollten. Nur wie, wussten sie nicht. Da sie für die Schauspielerei nicht bühnentauglich genug sprechen konnten, war das Theater keine Option. Und weil sie weit von der technischen Perfektion und den durchtrainierten Körpern von Tänzern entfernt waren, kam Tanz eigentlich auch nicht in Frage. Aber dann sahen sie dieses Stück von Pina Bausch. In dem traten professionelle Tänzern auf. Aber sie tanzten nicht besonders viel, sondern erzählten stattdessen komisch und anrührend aus ihrem Leben. „Da hatten wir das Gefühl“, sagt Platel, „man muss gar nicht soviel können. Wenn man was Persönliches erzählt, das hilft.“

Dass Platel so souverän über seine Anfänge reden kann, liegt auch daran, dass er nie ein Bausch-Epigone war. Eher ist er so etwas, wie der legitime Erbe von Pina Bausch. Niemand sonst macht so bewegendes, so nah an den einzelnen heranrückendes Tanztheater. Bauschs berühmtes Diktum, sie interessiere nicht, wie sich jemand bewegt, sondern was ihn bewegt, gilt unbedingt auch für Alain Platel. „Out of Conext“, im Januar 2010 in Brüssel uraufgeführt, spielt mit einem unglaublichen Arsenal an Zuckungen, an Ticks, Grimassen und gestischen Entgleisungen. Dazu hört man Tierstimmen, Popsongs und elektronisches Pulsieren. Nein, „Out of Context“, das in der diesjährigen Kritikerumfrage der Fachzeitschrift TANZ zum Stück des Jahres gekürt wurde, ist sicher keine Reverenz an die Arbeit von Pina Bausch. Es wirkt ja auf den ersten Blick nicht einmal wie ein Stück von Alain Platel. So überraschend anders, reduzierter ist es als seine großen Werke, „Iets op Bach“ etwa, „Wolf“ oder „VSPR“ zu Musik von Bach, Mozart und Monteverdi.

contextDas Stück sei Pina Bausch gewidmet, sagt Platel, „schlicht, weil ich sie so sehr vermisse. Immer waren die Menschen, mit denen ich arbeitete, das Thema meiner Stücke. Ihr politischer und sozialer Hintergrund, die Unterschiede der Herkunft, des Alters, und der Unterschied zwischen Laien und Professionellen.“ Aber jetzt wollte Platel mit dem Gegenteil, nämlich mit dem Verbindenden arbeiten.
Eigentlich wollte der Choreograf ein Projekt für Gerard Mortier in New York machen, der dann aber die Oper Madrid übernahm und die geplante Koproduktion um zwei Jahre verschieben musste. Also war so gut wie kein Geld da. Keines jedenfalls für das große Orchester mit dem Platel sonst arbeitet und keines für ein Bühnenbild. Entstanden ist so eine radikal reduzierte Inszenierung: Kaum Musik, kein Text, eine schlichte Szenerie mit acht Tänzern, die sich zu Beginn der Vorstellung bis auf die Unterwäsche ihrer Kleidung entledigen, sich zwischenzeitlich mit Decken behelfen und eine gute Stunde Bilder zeigen von zusammenstürzenden Körpern, lautlosen Schreien, verrutschten Mimiken, entgleisten Gesten, Zähneklappern.

Es ist eine Art von Tanz, wie man sie auch von Meg Stuart und anderen Choreografen kennt. Nur läuft das bei ihnen oft leer oder bleibt im Posenhaften stecken. Bei Alain Platel ist das anders, weil er nicht das Allgemeine zeigt, sondern: das Individuelle. Den Menschen. Und noch etwas ist neu: Immer schon brauchte Platel als Stoff nicht das große, spektakuläre Tragödienleid, das ganz alltägliche hat schon gereicht. Jetzt hat er dort, ganz out of context, auch eine groteske Komik aufgespürt.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Chris Van der Burght

Out of Context
HAU 1, Fr 5.-So 7.11., 19.30 Uhr,
Karten-Tel: 25 90 04 27

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