Tanz

„Out of Joint / Partita 1“ im HAU 1

Aufrechter Gang: Das Tanzstück „Out of Joint / Partita 1“ von Laurent Chétouane wirft die Frage auf, warum wir nicht einfach Tiere geblieben sind

Foto: Matija Lukic

Der Franzose Laurent Chétouane ist der Intellektuelle unter den zeitgenössischen Choreografen. Das bedeutet, dass in ­seinem Fall die Bezeichnung Konzepttanz nicht als Beleidigung oder Schmähkritik gemeint ist – über seine Arbeiten nachzudenken lohnt sich, was sich bekanntlich nicht über alles Konzeptkunstgeschehen sagen lässt. Seine analytische Klarheit hat möglicherweise auch ­damit zu tun, dass er vor seiner Ausbildung zum Choreografen ein Ingenieursstudium abgeschlossen hat. Ketten von Kausalzusammenhängen, Energieströme und das Wirken von Kräften sind in beiden Feldern, Ingenieurs- und Tanzkunst, nicht ganz unwichtig.

In „Out of Joint / Partita 1“, seinem neuen Tanzstück, das nun ins HAU kommt, öffnet er weite Horizonte – bis hin zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte und der Frage nach den Ursprüngen von Zivilisation und Kultur. Weshalb sind wir nicht einfach Tiere geblieben? Eine Ausgangsthese der Inszenierung ist ein Gedanke Sigmund Freuds: Der Mensch habe sich, so Freud, für den aufrechten Gang regelrecht „entschieden“. Und das sei eine folgenreiche Entscheidung: Nicht weniger als die Geburt der Kultur sei dieser vertikalen Position zu verdanken. Chétouane dreht diese Perspektive auf die Evolution der Gattung mit einer Frage um: Was geschieht, wenn der Mensch diese aufrechte Position aufgibt? Was bedeutet es dann, statt aufrecht zu gehen zum Beispiel liegen zu bleiben, zu stehen, zu gehen, zu tanzen, ohne auf den Überblick, den Menschenblick von oben, zurückzugreifen? Mit anderen Worten: die Evolution, der verschlungene Weg vom Affen zum Homo Sapiens, und ihre versuchsweise Umkehrung, lassen sich tanzen.

„Mit dieser Frage untersucht Laurent Chétouane in seiner neuen Arbeit die Möglichkeit eines anderen Verhältnisses zum Körper, zum Anderen, zum Raum und zur Umwelt: eine neue Orientierung für ausgesetzte und fragile Körper, die in ihrer Verletzlichkeit und in Anlehnung an Judith Butlers Konzept der „Vulnerability“ den Kern des Menschlichen jenseits stabiler Identitäten erleben“, versprechen die theoriegestählten Dramaturgen des Choreografen.

HAU 1 Stresemannstr. 29, Kreuzberg, Fr 24.–26.11., 17 Uhr, Eintritt 16,50, erm. 11 €

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