Theater

Parades & Changes, Replays bei Tanz im August

ParadesManchmal liegt in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Veränderungen eine gewisse Überheblichkeit: Gleichberechtigung? Keine Frage, dafür haben unsere Mütter gekämpft, danke. Sexuelle Revolution? Freuen wir uns drüber, müssen wir aber nicht mehr jeden Tag auf den Tisch packen. Eine gewisse Selbstverständlichkeit gilt auch im Blick auf die Kunst. Verweigerung von Virtuosität und Hierarchien auf der Bühne? Kennen wir. Der Tänzer kein Kunstwesen, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Biografie und Alltagsbewegungen? Hundert Mal gesehen. Künstler als politisch Engagierte statt bloße Entertainer? Eh klar. Diese Hybris gegenüber den Kämpfen der Vergangenheit ist nicht ganz fair. Einige Menschen, die vor mehr als 50 Jahren mit einer solchen Freude für Veränderung gekämpft haben, wirken heute noch radikaler als viele Zeitgenossen. Zum Beispiel die amerikanische Choreografin Anna Halprin, die in den 50er Jahren aus New York nach Kalifornien zog, um dort mit ihren Workshops ganze Generationen von postmodernen Tänzern und Choreografen zu beeinflussen. Dank ihres innovativen Konzepts der tasks erlaubte sie den Teilnehmern, Alltagsbewegungen zu Elementen der Choreografie zu machen. Sie hob die Hierarchie zwischen „schönen“ und „hässlichen“ Körpern und Bewegungen auf. Es war nur ein Weg, das damalige Denken über Regeln des Theaters und der Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Halprin vermochte in den 60er Jahren in ihrer Arbeit beide ParadesWelten miteinander zu verbinden: Protestbewegung und künstlerisches Experiment, Ästhetik und Politik, individuelles Denken und kollektive Entscheidungen. Heute, mit 88, arbeitet sie noch immer jeden Tag. Ihre Arbeit lebt weiter – auch durch den Einsatz jüngerer Kollegen.

Die Biologin und Tänzerin Anne Collod hat sich mit ihrem Kollektiv der Reinterpretation wichtiger Werke des 20. Jahrhunderts gewidmet; wie das bei einem Werk wie „Parades and Changes“ funktioniert, das Anna Halprin 1965 vor allem aus Improvisationen entwickelte, zeigen Performer wie Vera Mantero, Nuno Bizarro, DD Dorvillier und Alain Buffard. Eines werden sie auf keinen Fall mehr hinbekommen: den Skandal, den damals in den USA die nack­ten Körper der Tänzer auf der Bühne auslösten, und die Zensur, der die Aufführung im eigenen Land 25 lange Jahre unterlag. Dass sich die Gesellschaft in diesem Punkt gewandelt hat – das verdanken wir, neben vielen anderen, auch Anna Halprin.

Text: Elisabeth Nehring
Fotos: Jйrфme Delatour

Parades & Changes, Replays
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im HAU 2 (Adresse + Googlemap) 21., Sa 22.8., 20 Uhr

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