Theater

„The Past“ an der Schaubühne

Wie funktioniert Erinnerung? Und ist das Vergangene einfach nur vergangen, oder ist es in den Spuren, die es in uns hinterlassen hat, immer noch schön oder verletzend oder gespenstisch präsent? Gibt es überhaupt so etwas wie reine Gegenwart, ist Identität ohne den Resonanzboden des vergangenen Lebens vorstellbar? Und wie haben Menschen vor der Erfindung der Schrift und anderer Speichermedien Geschichten, Mythen, historische Ereignisse festgehalten? Das sind einige der Fragen, die Constanza Macras in ihrem neuen Stück „The Past“ untersucht.
Macras und ihrem überragendem Ensemble gelingt es hinreißend, für Themen wie Kindheit, Stadt, Erinnerung (vielleicht auch Trauer) vielschichtige, überraschende Übersetzungen in ihren typischen Tanz-Performance-Text-Musik-Hybrid zu finden. Die Inszenierung wechselt verspielt die Register zwischen lustigem Übermut, durchgeformten und wie skizziert, improvisiert wirkenden Tanzpassagen und einem persönlichem, intimen, verletzlichen Sprechen.
Das ist im Wechsel der Tonlagen ab und zu ziemlich berührend, wenn der Abend davon erzählt, wie schmerzhafte oder tröstende Partikel des gelebten, verflossenen Lebens immer wieder in die Gegenwart einbrechen. Bevor das sentimental werden kann, bricht die Choreografin den Erzählfluss virtuos und lustig mit Freude am Absurden – zum Beispiel mit einer Szene, in der ein eitler Filmstar beim Dreh nicht zwischen Bild und Wirklichkeit unterscheiden kann.
Für eine härtere Realitätsebene sorgt das Dokumentarmaterial: Die Choreografin hat für ihr neues Stück ältere Dresdner nach ihren Erinnerungen an den Bombenangriff auf Dresden im Januar 1945 befragt. „The Past“ ist eine der schönsten und persönlichsten Arbeiten, die dieser tollen, klugen Choreografin seit Jahren gelungen ist.   

Text: Peter Laudenbach

Bild: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

The Past, Schaubühne, Do 29.+Fr 30.1., 20 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

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