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Patrick Wengenroth inszeniert Rainald Götz\ „Festung“

Patrick Wengenroth fotografiert von Jens Bergertip „Ich habe nie gedacht / dass ich mir zum sogenannten Deutsch­land / noch einmal Gedanken machen würde“, heißt es in „Festung“ von Rainald Goetz – und dann macht er sich auf 150 Seiten sehr viele Gedanken zu Deutschland. „Festung“ ist ein selt­sames Theaterstück, in dem es immer wieder um die öffentliche Rede und das Grauen vor ihr geht. Erschienen ist das bei Suhrkamp 1993, damals wurde „Festung“ gelesen als Reaktion auf die Wiedervereinigung. Was interessiert Sie an diesem Textkonvolut?
Patrick Wengenroth Vor allem in­teressiert mich, auch angesichts der zeitlichen Distanz, seine Abbildung einer Realität und Medien-Realität, die Goetz mit großer Akribie und großer Wucht erst mal dokumentiert und die seitdem eher noch schlimmer geworden ist. So entsteht eine Wahrhaftigkeit, eine Ahnung davon, was diese mediale Überforderung und das Dauerrauschen der medialen Zeichen und Signale mit den Menschen macht. Der Anfang meiner Beschäftigung mit „Festung“ waren die Materialien in den drei Bänden „1989“.

tip Goetz nennt das eine „Zeitmitschrift der großen öffentlichen Rede in den Medien“, auf 1600 Seiten eine Montage der Mitschriften dessen, was an einigen Tagen im Jahr 1989 im Fernsehen so geredet und in den Zeitungen gedruckt wurde.
Wengenroth Genau. Er selbst sagt dazu, dass das eine Art halbautomatischen Schreibens war. Ich stelle mir vor, dass er vor drei Fernsehern und vier Monitoren von Video­rekordern sitzt und durchzappt und mitschreibt. Eine Frage dabei ist, wie sieht es aus mit dem täglichen ausgesprochenen und vor allem eben nicht ausgesprochenen Faschismus, der uns überall in der Öffentlichkeit begegnet. „Der Mann mit dem kleinen Bart ist immer noch nicht tot. Mindestens zweimal am Tag treffe ich ihn irgendwo auf der Straße oder im Fernsehen …“, heißt es dazu in einem Jan-Delay-Song. Der Kardinalvorwurf gegen Goetz lautet ja, dass er sich immer total subjektiv positioniert. Ich finde das gerade gut: Jemand, der sich, wie zum Beispiel auch Handke, immer voll angreifbar macht, um dann aus dieser Position heraus in den entscheidenden Momen­ten an irgendwelche Wahrheiten heranzukommen, bei denen es ihm egal ist, ob sie konsensfähig sind. Auf den ers­ten Blick sieht es aus, als ob er auf jeden, der ihm nicht passt, mit seiner Wut erst mal draufhaut. Dahinter steckt eine extreme Sensibilität für etwas kollektiv Amorphes wie die Zeitläufte. Das Tolle an Goetz ist, dass er privat, subjektiv, ungeschützt reagiert auf ein nicht pri­vates, nämlich politisches, gesell­schaft­liches, historisches Phänomen.

tip Die Texte in „Festung“ wirken semidokumentarisch, gesampeltes Sprachmaterial aus dem endlosen Rauschen der öffentlichen Rede. Was passiert, wenn dieses gesampelte Reden zu Theater wird?
Wengenroth Das ist ein Echokammer-Effekt. Aber wenn das jemand auf der Bühne sagt, bekommt das natürlich eine andere Bedeutung und eine andere Ungeheuerlichkeit. Man wird täglich medial zugemüllt, weil immer irgendwo eine Glotze läuft oder eine Werbung rumsteht. Goetz montiert dieses Textmaterial, dadurch entstehen seltsame, hochinteressante Brechungen und Fokussierungen. Er sagt selber, er schreibt eigentlich gegen die Schauspieler, damit diese Theaterrumpelkammer mal wieder was zu arbeiten hat. Er will für das Theater schreiben, indem er gegen das Theater schreibt. Eines meiner Lieblings­zitate von Goetz ist, dass der Theaterschlaf wirklich etwas Schönes sei, noch schöner als der Unischlaf. Und gleichzeitig schreibt er gegen diesen Schlaf an, indem er Schauspieler und Zuschauer in dieser Live-Situation der Überforderung seiner Textmassen aussetzt. Diesen enormen Mo­no­log-Monolithen kann man eigent­lich nicht Herr werden.

tip Man hat angesichts des leerlaufenden Redens in den Talk­shows, Unterhaltungsformaten, bei Fuß­ball­­übertragungen, in Kom­mentaren oder Nachrichtensendungen, so wie Rainald Goetz das dokumentiert und montiert, den Eindruck, dass nicht die Menschen dieses
Reden produzieren, sondern dass das Gerede immer schon da ist und sich dann an austauschbare Sprecher andockt.
Wengenroth Das ist genau das, was in einem Schlüsselmonolog gesagt wird: „Die Worte, die den Dichter benutzen, nicht umgekehrt.“

tip Die Figuren, die in „Festung“ wie in einer endlosen, delirierenden Talkshow reden, heißen Madonna, Joseph Goebbels, Adorno, Katja Ebstein, Rainer Werner Fassbinder, Hape Kerkeling, Peter Iden, Jan Philipp Reemtsma, Rainald, Hans-Jürgen Krahl. Die Namen sind wie Namensschilder an ansonsten gesichtslose Sprecher geklebt. Und nach und nach wird klar, dass es in diesem endlosen Talkshow-Gerede immer wieder um den Holocaust geht. Gespens­tisch, oder?

Das vollständige Interview von Peter Laudenbach lesen Sie in tip 26/08

Festung
HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Do 18. bis So 21.12., 20 Uhr
Rainald Goetz „Festung“, edition suhrkamp, 296 Seiten, 10 Ђ

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