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Patrick Wengenroths „Katarakt/Brief an Deutschland“

Patrick_Wengenroth_Katarakt_Ruecken_c_Micha-EcklSie verbinden in Ihrer neuen Inszenierung am HAU zwei deutsche Dichter und Denker: Rainald Goetz und Franz Josef Wagner, der Mann, der in der „Bild“-Zeitung jeden Tag seine Briefe an Gott und die Welt schreibt. Wie kommen die beiden zu dieser Ehre?
Beide reagieren auf maximal persönliche Art und Weise auf Deutschland, auf deutsche Gegenwart und deutsche Geschichte, das finde ich erst mal sehr interessant.

Auch weil beide, wenn sie über Deutschland schreiben, immer auch über sich selbst schreiben?
Bei beiden erreicht das irgendwann eine Metaebene. Das ist auch unsere Zielsetzung. Wenn man sich durchkämpft durch Wagners autobiografisches Buch „Brief an Deutschland“, landet man irgendwann bei seiner großen Skepsis gegenüber der eigenen Biografie. Man liest Wagners Buch und begegnet jemandem, der schon sehr an sich leidet, fast nietzschemäßig. Dieses Buch ist sein Versuch, hinter das Geheimnis seiner eigenen Einsamkeit zwischen Schreibtisch und Paris-Bar zu kommen. Bei Goetz und seinem Text „Katarakt“ landet man bei einer fast schon positiv zu nennenden Melancholie bezogen auf die Fragen der deutschen Geschichte. Anders als Wagner hält Goetz, zumindest an der Textoberfläche, seine eigene Autobiografie komplett raus, man kann höchstens mal etwas ahnen.

Das Medizinstudium, die Rave-Jahre oder die Luhmann-Lektüre  haben  Spuren im Werk hinterlassen.
Ja, aber nicht einfach als autobiografischer Text. In „Katarakt“ geht es um das Sterben, da redet ein nicht näher bezeichneter „Alter“, der so eine Art Kassensturz seines Lebens macht. Dieser „Alter“ könnte bei uns natürlich auch Franz Josef Wagner sein. Das ist ein zweigeteilter Abend, wir starten mit Wagner, dann landen wir bei Goetz und „Katarakt“, dem letzten Teil seiner „Festung“-Trilogie. In den Texten der Trilogie kommen nicht weniger als 130 Klarnamen vor, also Namen reeller Personen. Das ist bei Wagner ähnlich.

Nutzen Sie diese strukturelle Analogie?  Ja, schon. Franz Josef Wagner war zeitweilig Ghostwriter von Boris Becker. Da ist fast schon eine Überidentifikation mit den Boulevardgrößen zu erkennen, von Boris Becker bis Helmut Kohl: Dadurch, dass ich den und den kenne, bin ich selber fast schon so bedeutend wie diese Prominenten.
Goetz lädt seine Texte durch Verweise auf Realfiguren mit der öffentlichen Rede, auf, allerdings anders als Wagner nicht identifikatorisch, sondern gerne mal sehr höhnisch. Bei diesem Gegenwarts- und Geschichtsschlamm, den man da durchwatet, landet man bei einem Metatext, der wie ein dialektisches Pendeln, das Goetz Texten eh innewohnt, Raum aufmacht für die Frage: Was passiert jetzt gerade in meinem Kopf? Sehr schön ist seine Antwort, als er in der „Harald Schmidt Show“ zu Gast war und Harald Schmidt ihn gefragt hat, warum er denn immer das Feuilleton der „FAZ“ lese. Goetz antwortete, es gehe immer darum zu beobachten, was sagt die maßgebliche Stimme gerade im Moment, und das mit der eigenen Wirklichkeitsbeobachtung abzugleichen.

Patrick_Wengenroth_Katarakt_c_Micha-EcklJemand wie Wagner gilt im HAU-Umfeld eher als peinliche Figur, Goetz gilt in diesem Milieu als wichtiger Künstler. Liegt die schöne Pointe nicht gerade darin, die Textproduktion von beiden, zumindest formal, genau gleich ernst zu nehmen?
Natürlich nehme ich beide ernst. Wir wollen, dass beide Positionen einander befeuern. Letztendlich leiden beide an demselben Phänomen. Der Bodensatz, der da übrig bleibt, ist Deutschland.  

Habe ich vergessen, etwas Wichtiges zu fragen?
Das ist schon auch so ein Generationenkaleidoskop. Mit der Band „Ja, Panik“ treten live fünf Jungs Ende 20 auf, die sozusagen noch sehr direkt ihren Weltschmerz feiern. Der Titel ihrer neuen Platte ist eine Abkürzung: „DMD KIU LIDT“. Das steht für: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“. Das ist die Überschrift für den ganzen Abend.     

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Micha Eckl

Katarakt / Brief an Deutschland
HAU 2,
Fr 30.3., Sa 31.3., So 1.4., Mo 2.4.,
Karten-Tel. 25 90 04 27

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