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„Peer Gynt“ ?am Deutschen Theater

So stoisch und unerschütterbar höflich hat man Tod und Teufel lange nicht gesehen. Die Lakonikerin Margit Bendokat ist in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin als Herrin der Finsternis von den Durchschnittssünden der kleinen Menschlein sehr gelangweilt: Dafür lohnt es sich nicht, den Brennstoff für das Fegefeuer zu verschwenden. Selbst als ihr der Filou Peer Gynt, ihr aktueller Höllenkandidat, mit Verbrecherstolz seine Schandtaten von Sklavenhandel bis Götzendienst aufzählt, winkt sie nur müde ab. Und auch als Tod wahrt sie gegenüber Peer die Contenance: „Wir haben Takt, man stirbt nicht mitten im fünften Akt.“
Der von der Dramaturgie zur Regie gewechselte Ivan Panteleev, dessen spielerisch leichte „Warten auf Godot“-Inszenierung in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, versucht, Henrik Ibsens Dramen-Gedicht „Peer Gynt“ zu inszenieren, als wäre es ein Stück von Beckett. Das ist zumindest wagemutig, aber es geht nicht auf. Ibsens Peer ist ein lebens- und weltgieriger Faust des 19.Jahrhunderts, ein Phantast, der sich erzählend ein tolles Leben erfindet. Er katapultiert sich durch Troll-Märchenwelten und reist einmal um die Welt und durch afrikanische Wüsten. Selbst die Verbrechen des Kolonialismus werden diesem Ego-Shooter zum wie im Fieberwahn erträumten Abenteuer.
Davon bleibt in Panteleevs Schrumpfform fast nur die pure Reflexion übrig, ein Märchen, erzählt von einem in die Jahre gekommenen Kindskopf.
Kein Wunder, dass die Sand-Wüste der Bühne (Bühnenbild: Johannes Schütz) eher nach Spielplatz-Sandkiste als nach Sahara aussieht. Auch die dekorativ windschiefe Holzhütte mit den dünnen Papierwänden, die anmutig auf Skiern durch den Sand gezogen wird, ist vor allem niedlich. Hier spielt Samuel Finzi das große Kind Peer als Melancholiker, der alles schon hinter sich hat.
Im Leben mag Peer Pech mit den Frauen haben (und sie mit ihm). Aber zumindest auf dieser Bühne hat er großes Glück mit ihnen. Denn alle werden sie mit staubtrocken ausgenüchterter Komik von Margit Bendokat gesp“ielt, Peers Mutter Aase, die ihn als Erziehungsmaßnahme am liebsten drastisch geschimpft („Du Schwein!“). Ob seine große Liebe Solveig, die ihr Leben lang auf ihn wartet, oder die etwas in die Jahre gekommene Troll-Prinzessin, oder Teufel oder die spöttisch lächelnde Frau Tod – je hochtouriger Finzis Peer sich durch seine Phantastereien und Abenteuer jagt, desto stoischer betrachten all diese Frauen mit Margit Bendokats Augen diesen seltsamen, nicht unsympathischen Ego-Wirrkopf: Ein großer Junge, der einfach nicht erwachsen werden will.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Kammerspiele, Karten-Tel.: 28 44 12 25

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