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„Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ am Deutschen Theater

PeggyPikitDie ehemalige Krankenschwester Liz (Maren Eggert) und ihr Arzt-Gatte Frank (Ulrich Matthes) beschäftigen sich in Ermangelung komplexerer Probleme mit Olivenölsorten, ihrem Garagentor sowie der Hochbegabung von Tochter Katie. Martin (Norman Hacker) – ein befreundeter Kollege, der mit seiner Frau Carol (Sophie von Kessel) gerade von einem sechsjährigen Mediziner-Einsatz in Afrika zurückgekehrt ist – wundert sich über Katies Existenz: „Das heißt, Ihr müsst mindestens einmal Sex gehabt haben!“ Lustig.

Was die erotischen Aktivitäten betrifft, steht es um Martin und Carol immerhin besser: Er hatte in Afrika eine Affäre mit einer Krankenschwester, sie mit einem Arztkollegen aus Montreal, der zuvor ebenfalls mit besagter Krankenschwester im Bett gewesen war. Deswegen herrscht zwischen dem heimgekehrten Paar – „Wer weiß, was du da eingeschleppt hast!“ – jetzt ein leicht aggressiver Grundton. Dass es Schimmelpfennig weniger um Afrika geht als vielmehr darum, was sich der hiesige Besserverdienende so unter Afrika vorstellt, hat man schnell verstanden: In dem weißen Bühnenkasten, den Annette Murschetz für Martin Kusejs deutschsprachige Erstaufführung bedeutungsvoll vor eine schwarze Wand gebaut hat, parliert man über Kakerlaken, Care-Pakete und mangelnde Jobchancen für die Afrika-Rückkehrer.

Immerhin hält der Abend für Nichtmediziner zwei handfeste Überraschungen parat. Erstens: Im Vergleich zu anderen Berufssparten hat man sich in der Gesundheitsbranche offenbar selbst über sein eigenes Spießerleben erstaunlich wenig zu sagen. Da Schimmelpfennig mit dramatischen Vor- und Rückspultechniken arbeitet, liegen die unglücklichen Ehen, die verhängnisvollen Affären und der allseitige Snobismus von Anfang an offen zutage. Dahinter: die pure Leere. Da können selbst achtzig Minuten ziemlich lang werden.

Die zweite Überraschung: Als letzte Verfechter einer lustigen Frauen- und Familienauffassung, die mittlerweile selbst die CSU aufgegeben hat, sind Mediziner unbedingt gebührend zu feiern! Denn am Ende von Schimmelpfennigs Stück läuft alles – Glück, Moral und Afrika – auf weibliche Biologie hinaus. Da hätten wir auf der einen Seite der Edelbude die Ex-Krankenschwester Liz mit weinrotem Tantenkleid, beruflichen Minderwertigkeitskomplexen und Kind (Kostüme: Werner Fritz). Von der anderen Seite schmollt ihr die studierte Karrierefrau Carol mit grauen Hüfthosen, Kurzhaarperücke und beruflichem Standing entgegen – ohne Kind, aber natürlich mit mehr oder weniger verdrängtem Kinderwunsch. Da Maren Eggert die Rolle als Heimchen Liz an allen Ecken und Enden zu eng ist – genauso wie Ulrich Matthes die ihres Westover-unterm-Jackett-Spießergatten Frank –, sehen wir abendfüllend zwei tollen Schauspielern beim Versuch zu, flache Figurenschablonen mit Komplexität aufzuladen. Ihre nicht minder starverdächtigen Kollegen Sophie von Kessel und Norman Hacker beschränken sich dagegen von Anfang an auf einen einzigen Tonfall und verorten den Abend damit adäquat dort, wo er hingehört: im Fernsehfilm der Woche.

Text: Christine Wahl
Fotos: Arno Declair

tip-Bewertung: Uninteressant

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes Deutsches Theater, 26.11., 19.30 Uhr, 1.12., 20 Uhr

Interview mit „Peggy Pickit“-Autor  Roland Schimmelpfennig

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