Theater

Performance beim Berlin Documentary Forum im HKW

Im vergangenen Juli bekam Xavier le Roy eine E-Mail von einem befreundeten Choreografen. „Lieber Xavier“, hieß es darin, „du hast mal behauptet, Butoh, das wäre für dich ein Tanz, den du in zwei Stunden lernen könntest.“ Xavier le Roy konnte sich nicht erinnern, jemals so etwas gesagt zu haben. Aber verbunden war die Mail mit der Einladung, genau dies bei einem „Re-Butoh“-Festival in Rennes zu zeigen: Xavier versucht, in zwei Stunden den japanischen Butoh-Tanz zu lernen.
Xavier le Roy hatte keine Ahnung von Butoh und gemocht hatte er diese Tanzform noch nie, aber er sagte zu. Bei ziemlich vielen Choreografen würde so ein Versuch nicht unbedingt Gutes verheißen. Bei Xavier le Roy, der ab Mitte der 90er-Jahre für rund ein Jahrzehnt zu den aufregendsten Choreografen Berlins gehörte und mittlerweile vor allem in Frankreich arbeitet, ist das anders.

Denn was le Roy, der vor seiner Tänzerkarriere in Molekularbiologie promoviert hat, in den Blick nimmt, wird wie unter dem Mikroskop beobachtet, zerlegt und aus völlig absurden, aber erhellenden Perspektiven in den Blick genommen. Die Resultate sind frappierend. Aus le Roys als kleine Randbemerkung zum Re-Butoh-Festival geplanten Solo ist jedenfalls ein Stück geworden, das auf sehr eigene Weise von der Annäherung an eine andere, fremde Kultur erzählt. Und auch von den Bedingungen, unter denen diese Annäherung geschieht. Jetzt ist le Roys Solo „Product of other Circumstances“ beim ersten Berlin Documentary Forum im Haus der Kulturen der Welt zu sehen. Das neue Festival-Format reagiert auf die starke Hinwendung zum Dokumentarischen, die in immer neuen Wellen durch die unterschiedlichsten Kunstgenres schwappt. Obwohl, oder richtiger, weil in Zeiten digitaler Bildbearbeitung immer mehr in Frage steht, was überhaupt noch als glaubwürdiges Dokument gelten kann.

Wie Bilder problemlos manipuliert werden, sieht man in jedem digital geschönten Foto eines Models, jedem mit Photoshop bearbeiteten Zeitschriftencover. Diese Retusche ist längst eher die Regel als die Ausnahme. Welche Fälschungsmöglichkeiten die digitale Bildbearbeitung der politischen Propaganda eröffnet, ist spätestens seit dem Ersten Golfkrieg klar. Gleichzeitig wird als Reaktion dieser Entwirklichung der Bilder der Hunger nach Wirklichkeit größer. Mag die Vorstellung, dass Fotografie und Film zuverlässig wahre Bilder liefern, längst illusorisch sein, die Wirkmacht des fotografischen Bildes als Verweis auf Reales funktioniert trotzdem.  

Product-of-Other-CircumstanceDokumentarisches Arbeiten heißt die Verfahren der Bilderzeugung zu hinterfragen“, sagt die Hila Peleg, die Kuratorin des Festivals. Zum „Berlin Documentary Forum“, das ab diesem Sommer im Wechsel mit dem Festival Intransit alle zwei Jahre im HKW stattfinden soll, sind Künstler und Wissenschaftler unterschiedlichster Genres und Disziplinen eingeladen, die in ihren Arbeiten genau dies tun: Bilder befragen. Es gibt Performances und Film-Screenings, Lesungen, Gesprächsrunden und Ausstellungen. Kinoregisseure wie Marcel Ophuls und Alain Resnais zeigen nicht nur ihre Filme, die Altmeister geben sich auch selbst die Ehre. Sie werden in der Reihe „Documentary Moments: Renaissance“ darüber sprechen, was zur Zeit des Entstehens neu war an ihren dokumentarischen Herangehensweisen.

Okwui Enwezor, der 2002 in Kassel die wohl dokumentarischste Documenta aller Zeiten ausgerichtet hat, nimmt sich in „Rules of Evidence: Text, Voice, Sight“ vier prominente Fotografien aus der Kriegsberichterstattung vor, die erste 1936 entstanden, die letzte 2006. Alle vier haben sich als Fälschungen entpuppt oder stehen im Verdacht, gefälscht zu sein. Wie etwa Robert Capas legendäres Foto aus dem Spanischen Bürgerkrieg, das den Anarchisten Federico Borell Garcia im Kampf gegen Francos Falangisten zeigt, scheinbar sterbend, mit der Waffe in der Hand. Der Wahrheitsgehalt dieser Ikone der Fotografiegeschichte ist umstritten: Möglicherweise wurde das Bild gestellt. Auch Catherine David, ebenfalls einst Documenta-Leiterin, wird eine kleine Ausstellung kuratieren und zu einem Gespräch vorbeikommen.

Die verspieltesten Auseinandersetzungen dürften wohl von den Performern zu erwarten sein. Von Omer Fasts „Talk Show“ oder eben von Xavier le Roy. Für sein Stück „Product of other Circumstances“ hat le Roy keine Butoh-Tänzer getroffen, sondern sich mit Videoclips von alten Butoh-Größen wie Kazuo Ohno auseinandergesetzt.  
Ganz anders arbeitet Rabih Mrouй, der bedeutendste Performance-Künstler im Libanon. Vor einigen Jahren ist Mrouй für ein mit seiner Ehefrau Lina Saneh entwickeltes Projekt von der libanesischen Zensurbehörde vorgeladen worden. Acht Stunden dauerte die Befragung und Mrouй musste danach eine beträchtliche „Bearbeitungsgebühr“ entrichten. Sein Vergehen: Er hatte für sein Stück „Who’s Afraid of Representation?“ Gewaltbilder aus dem libanesischen Fernsehen mit Bildern von Selbstverstümmelungsaktionen westlicher Body-Art-Künstler zusammengeschnitten. Realer Schrecken trifft auf grell inszenierte Schockbilder aus dem Popkultur-Kunstbetrieb. Und diese Montage schien den Zensoren die mörderischen Exzesse im libanesischen Alltag auf einmal sehr unheimlich zu machen. Was für eine Bestätigung der Wirksamkeit von Mrouйs verwirrenden Spielen mit Fiktion und Realität.

„Foto-Romanze“ hieß Mrouйs letztes Stück, das er im vergangenen Dezember gemeinsam mit Lina Saneh im Hau 2 zeigte und in dem er tatsächlich so etwas wie einen Liebesroman in Bildern erzählte. Während sich auf der Videoleinwand Linah Saneh als unglücklich Geschiedene und Rabih Mrouй als einsamer Nachbar näher kamen und das Ganze ein Remake des Films „Ein besonderer Tag“ mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni sein sollte, las die „echte“ Saneh auf der Bühne als Filmemacherin die Dialoge der sich vorsichtig einander näher Kommenden vor.  Mrouй gab den zuhörenden und zuschauenden Zensor, dem Saneh die ganze Sache schmackhaft zu machen suchte. „The Inhabitants of Images“ heißt  Mrouйs neueste Performance, die er jetzt im HKW zeigt.  Und wieder wird er sämtliche Erzählebenen und -formen miteinander vermischen, um dann wie ein Kriminologe sein Publikum auf die Spur zu setzen und etwas wie eine Ahnung von Wahrheit in den Widersprüchen und Paradoxien dieses Gewirrs zu finden. 

Text: Michaela Schlagenwert
Fotos: Courtesy of Rabih Mrouй, Vincent-Cavaroc

Berlin Documentary Forum 1
im Haus der Kulturen der Welt, 2. bis 6.6.,
Karten unter 39 78 71 75

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