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Peter Laudenbach: Meine Jahre in der Jury

Peter Laudenbach: Meine Jahre in der Jury
Schiff der Träume

Früher dachte ich, die Jury des Theatertreffens sei transparent wie die Mafia, demokratisch wie die Götter des Olymps und an schlechten Tagen geschmackssicher wie ein Blinder, dem sein Blindenhund davongelaufen ist. Jeder einzelne Kritiker, jede einzelne Kritikerin der Jury, die Jahr für Jahr die zehn ihrer Meinung nach bemerkenswertesten Inszenierungen der Spielzeit auswählt, mochte klug, kompetent, neugierig und sympathisch sein (oder auch nicht). Aber als undurchsichtiges Kollektiv, das in Hinterzimmern den Daumen über Aufführungen, Karrieren, Schicksale hob oder senkte, kamen sie mir vor, zumindest wenn ich schlecht gelaunt und etwas missgünstig gestimmt war, wie die dunkle Seite der Macht, ein Zentralkomitee der Geschmacksdiktatur, neben dem die jährliche Kritiker-Hitparade der Fachzeitschrift "Theater heute" ein Kinderspiel ist.
Kein Wunder, dass das Jury-Bashing zu den beliebtesten Ritualen des Theatertreffens gehört. Bis vor drei Jahren war die Sache klar: Die Auswahl des Theatertreffens war eine Mischung aus Glückstreffern, Willkür, Zufall und Geschmacksverirrungen. (Seltsamerweise gab es dabei meistens erstaunlich viele Glückstreffer – ganz so ignorant waren die Damen und Herren in der Jury vielleicht doch nicht.)
Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Ich wurde vor drei Jahren selbst in die Jury eingeladen. Ich weiß immer noch nicht, weshalb ich diese Einladung angenommen habe. Vielleicht war es die Hoffnung, nach den drei Jury-Jahren endlich für alle Zeiten von der Theater-Manie geheilt zu sein? Oder Masochismus? Oder Neugierde? Edle und vernünftige Motive wie Erwerbstrieb oder Karrierekalkül scheiden jedenfalls aus, dafür sind die Spesensätze der Bundesreisekostenverordnung und die Honorare zu kümmerlich. Die Folgen für die eigene Karrie­re bestehen im Wesentlichen darin, dass man kaum noch Zeit für seine eigentliche Arbeit hat und deshalb regelmäßig Jobs absagen muss (mal abgesehen davon, dass es so etwa das Gegenteil einer Karriere ist, ausgerechnet als Theaterkritiker zu arbeiten). Aber ich freute mich darauf, jetzt endlich das Orakel im Keller des Festspielhauses zu sehen, von dem die ahnungslose Jury ihre Befehle entgegen nimmt. Oder den Roulette-Tisch, an dem die Entscheidungen ausgewürfelt werden. Aber irgendwas muss mir entgangen sein, nichts davon traf ein. Alles, was ich mit den Jury-Kollegen erlebte, waren lange, ab und zu verbissene, ernsthafte, manchmal auch schön kapriziöse, in der Regel von gegenseitigem Respekt getragene Diskussionen. Sie fanden zu meiner Enttäuschung nicht mal in einem verrauchten Hinterzimmer an einem konspirativen Ort statt, sondern in einem sachlichen Büro mit Blick auf die Kastanien und Eichhörnchen vor den Fenstern des Festspielhauses. Verschwörungstheoretiker kommen hier definitiv nicht auf ihre Kosten, eher schon Theatertheoretiker, die sich für die Frage interessieren, ob Theateraufführungen so etwas wie Sinn haben müsse (Nein!), ob Theater in politischen Krisenzeiten Luxus sei (ja, aber das war es immer) und ob politisches Theater eher ein Reflexions- oder ein Interventionsmedium sei (kommt drauf an). Jury-Diskussionen sind ohne Zweifel interessant und lehrreich, aber ihr Glamourfaktor liegt ziemlich genau bei: null.
Und die eigentliche Arbeit, das wahre Abenteuer, die vielen Reisen und eng getakteten Thea­terbesuche (in meinem Fall: knapp 300 in drei Jahren)? Das Gefühl von Macht stellte sich, dem Theatergott sei dank, bei keinem einzigen Theaterbesuch und bei keinem anschließenden Votum ein. Das ist auch besser so: Machtgefühle sind etwas für Dummköpfe. Stattdessen: Was für ein Glück, so viel (und immer wieder auch: so viel gutes) Theater zu sehen. Was für ein unglaublicher Reichtum, ja, was für ein Wunderwerk, dieses dichte,  vielfältige, vitale deutsche Stadttheater-Biotop. Allen Geldnöten, Strukturproblemen, Unsicherheiten, Trend-Opportunismen zum Trotz: eine blühende Landschaft!
Was sich logischerweise ebenfalls und unvermeidlich regelmäßig einstellte, waren Anfälle kompletter Ratlosigkeit und Depression (was mache ich hier?), blanke Verzweiflung (und das soll jetzt mein Leben sein, in Dresden Volker-Lösch-Chöre ertragen? Vielleicht hätte ich doch besser Jura studieren sollen), aber auch Momente reinster Begeisterung über einzelne Aufführungen (Thalheimers "Penthesilea" in Frankfurt), gerne gefolgt von erneuter Komplett-Ratlosigkeit (weshalb sehen meine Jury-Kollegen denn nicht, was für ein außerordentliches Kunstwerk diese Inszenierung ist?).
Interessanter als solche Befindlichkeiten des ratlosen Kritikers ist, vor allem in diesem Jahr, ein Befund, der über subjektive Schwierigkeiten weit hinausreicht, immer wieder Thema der Jury-Diskussionen wurde und mit Sicherheit auch viele Gespräche des Theatertreffens begleiten wird: Die Schwierigkeit, im und mit Theater auf die politischen Groß-Krisen, von der Not der Geflüchteten bis zur Aggression der neuen Rechten, zu reagieren. Am besten, ohne dass sich das Theater dabei zur Talkshow, zum Gesinnungstheater oder zum etwas wohlfeilen Agitprop verkleinert. Ist es angesichts der harten Krisen ignorant oder einfach legitim und Teil der notwendigen Kunstautonomie, wenn sich Künstler wie der von mir verehrte Herbert Fritsch zum Beispiel vor allem und ausschließlich für ihre Kunst und nicht zwangsläufig für die Meldungen der "Tagesschau" verantwortlich fühlen? Ist es objektiv zynisch, einfach weiter-zumachen, während im Mittelmeer Menschen ertrinken, oder ist umgekehrt die Geste des poli­tisierten Theaters nicht schnell etwas eitel und wichtigtuerisch? Das Theatertreffen wird diese Konflikte so wenig lösen können wie die Jury es konnte – schon weil diese Art von Fragen jeder für sich selbst beantworten muss. Aber solange das Theater als Maschine funktioniert, die jede Menge genau solcher prinzipieller Fragen produziert, kann es nicht ganz schlecht sein.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Matthias Horn

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