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Peter Laudenbach über „Wunschkonzert“ beim tt09

Das tolle am Theatertreffen sind nicht die Freigetränke (obwohl, na ja, schon okay) und erst recht nicht die Bundestagsabgeordneten in ihren schlechten Anzügen, die einem beim Weg zur Theke im Weg rumstehen. Und das schlimme am Theatertreffen ist nicht der hässliche neue rote Boden im Foyer des Festspielhauses und das alberne Lagerfeuer im Garten. Das tollste und das schlimmste ist der Premierentratsch und dass man dauernd Leute kennenlernt, die man nicht kennenlernen wollte, oder eben gerade doch. Ich habe zum Beispiel die Ehefrau von Lars Eidinger beim Theatertreffen kennen gelernt. Das war so erfreulich, dass ich wahrscheinlich Lars Eidinger nie wieder verreißen kann, aber dazu gibt es eh keinen Anlass. Liebe Leser: Wenn Sie irgendwann einen Eidinger-Verriss von mir lesen sollten, verstehen Sie das bitte als Zeichen meiner von persönlicher Zuneigung ungetrübten professionellen Integrität.

Aino_Laberenz_und_Peter_LaudenbachWas am Theatertreffen auf Dauer wehtut, ist der Anblick der frustrierten Kritikergestalten, all die Zukurzgekommenen von Nachtkritik.de bis Morgenpost. Und die Kleidung ist fast noch schlimmer als die Gesichter, was schon mal eine echte Leistung ist. Irgendwie ist die Assoziation bei diesem Anblick immer: Mundgeruch. Und so schreiben sie dann ja auch. Obwohl: Unsereins sollte über den Anblick der bedauernswerten Möchtegern-Kollegen nicht zu laut abkotzen. Bei der Schlingensief-Premiere hat Foxi Bärenklau ein Foto von Aino Laberenz & mir gemacht. Das Foto beweist vor allem eines: Künstler sind schöne Menschen, Kritiker eher nicht so.

Heute war auch wieder eine Premiere: „Wunschkonzert“ von Kroetz aus Köln, Regie: Katie Mitchell. Das Stück: Eine Frau kommt nach Hause, hört Radio, ist alleine, kann nicht schlafen, bringt sich wortlos mit einer Überdosis Tabletten um. Die Inszenierung ist klug. Sie rückt den Naturalismus in die Verfremdung, isoliert die Ebenen Text-Bild-Ton. Die Frau (ziemlich großartig: Julia Wieninger) ist die Hauptfigur in einem Stummfilm, die Geräusche werden live zugespielt, samt echtem Streichquartett, das den Klangteppich der Radioübertragung einspielt. Die Deko ist ein Designmuseum der Bundesrepublik der frühen Siebziger: Creme 21, Lord Extra, Weltholzstreichhölzer und im Fernsehen schleimt Robert Lembke. Genau diese Brechung macht das Stück lebendig und transportiert Gefühl ohne Kitsch. Du darfst auch V-Effekt dazu sagen. Und beim Applaus sah die Regisseurin total sympathisch aus, Engländerin halt.

Text: Peter Laudenbach
Foto: Foxi Bärenklau

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