Letzte Vorstellung

Peter Laudenbach zum Abschied der Volksbühne

Das beste Theater der Welt wird geschlossen: Ab dem 2. Juli ist Frank Castorfs Volksbühne nur noch eine Erinnerung. Aber was für eine!

imago/ Rolf Zoellner

Andere Intendanzen gehen mit einem freundlichen Plop, mit einem erleichterten Seufzer oder mit etwas Wehmut zu Ende. Frank Castorfs Volksbühnen-Jahrzehnte enden mit einem Knall, also im Stil des Hauses. Eigentlich sind es mehrere Knaller. Der schönste wird das Straßenfest sein, mit dem sich die Volksbühne am 1.Juli, dem allerallerletzten Tag, nach der allerallerletzten Vorstellung von ihrem Publikum verabschiedet. Werden es mehr als 10.000 Besucher, wird es eng auf der Rosa-Luxemburg-Straße. Der mühsamste, aber auch lehrreichste Knaller war die seit der Berufung Chris Dercons vor gut zwei Jahren mit einiger Heftigkeit geführte Debatte über Sinn und Unsinn der politischen Entscheidung, Frank Castorf nach 25 Jahren als Intendanten der Volksbühne zu kündigen, um das Theater einem Kurator zu überlassen, der es im wesentlichen mit zusammengekauften Gastspielen (und vielen Schließtagen) bespielen möchte. Selbst um eher belanglose Nebenkriegsschauplätze wie die Frage, ob Bert Neumanns Rad vor dem Haus stehen bleiben soll oder nicht, wurde in den vergangenen Wochen mit einer Leidenschaft und fein gedrechselten Argumenten gestritten, als ginge es um die Identität Berlins. Geht es ja irgendwie auch.

Die Heftigkeit der Auseinandersetzung zeigte vor allem eines: Castorfs Volksbühne ist nicht irgendein Theater, sie wird geliebt (oder gehasst). Auf den Hass dürfte Castorf mindestens so stolz sein wie auf die Liebe. Die Volksbühne verstand sich als Störfaktor und wollte ganz bestimmt nicht jedem gefallen: lieber echte Feinde als falsche Freunde. Die gezielte Überforderung, die wenig service-orientierten Zumutungen sind für die Volksbühne konstitutiv, sei es in endlosen Castorf-Inszenierungen mit ihren wuchtigen Assoziationsgebirgen, in Polleschs meta-ironischen Gedankensprüngen oder in den wütenden Polemiken gegen politisch-korrekte Harmoniebedürfnisse. Die Kombination aus Lässigkeit und schneller, mindestens doppelbödiger Intelligenz, guter Laune, politischer Haltung, brachialer oder subtiler Komik und unverstellter Wut war ziemlich unwiderstehlich.

Neben der Volksbühne wirkten alle anderen Schauspielhäuser immer etwas harmlos, nett und wohltemperiert. Kein anderes Theater war in Berlin im vergangenen Vierteljahrhundert so prägend, unverwechselbar und radikal, wobei die gedankenscharfe Radikalität gerne in die unterschiedlichsten Richtungen zielte: Castorf stellte seine Vorliebe für High Heels, nackte Beine, Glamour-Nutten-Look und verruchte Autoren aus, René Pollesch machte sich über Heteronormativität als solche lustig, bei Christoph Marthaler gehen hoffnungslose Melancholie und freilaufender Slapstick die schönsten Allianzen ein, und Herbert Fritsch verwandelte die Welt in einen Zirkus, in dem Belästigungen wie Politik, Gender- und andere Sinnfragen bitte und wohltuenderweise nichts zu suchen haben. Christoph Schlingensief wäre ohne die Volksbühne nie zum Theaterkünstler geworden, hier hat er mit und gerne auch gegen das Theater eine neue politisch-dadaistische Aktionskunst erfunden und gefordert, Helmut Kohl zu töten (immerhin diesen Lieblingsfeind hat die Volksbühne überlebt, wenn auch nur wenige Tage, dafür in wesentlich besserem Zustand).

Für andere Abschiedsknaller sorgt die bis zum letzten Tag hochtourig arbeitende Mannschaft; kurz vor Schluss legten Castorf und Pollesch noch mal schnell zwei Premieren hin. Das Haus ist jeden Abend ausverkauft, der Schlussapplaus hat seinen Namen verdient und dauert derzeit selten unter 20 Minuten, inzwischen verbeugen sich auch die Bühnentechniker. Nebenbei tourte die Volksbühne im Juni mit einem halben dutzend Produktionen auf Gastspielen in Frankreich, Griechenland und China und wird überall als deutsches Theaterwunder bejubelt – kleiner Gruß an Chris Dercon, der glaubt, erst mit ihm werde die Volksbühne international.

Rainer Werner Fassbinder wollte im Film gerne jemand sein wie Picasso in der Malerei: ein Künstler, nach dem in seiner Kunst nichts mehr ist wie zuvor. Castorf ist so jemand für das Theater. In den zweieinhalb Jahrzehnten seiner Volksbühne sind im Theater und in unserem Verständnis dessen, was Theater sein kann, ein paar große Fenster aufgegangen. Und das nicht nur, weil Bert Neumann und Castorf live gefilmtes Theater auf großen Videowänden zum tragenden Bühnenbildelement gemacht haben – und Castorf Stücke rücksichtslos collagiert, mit Fremdtexten durchsetzt und unter dem Überdruck der historischen oder literarischen oder sexualpathologischen Assoziationen zur Explosion bringen. Nicht nur, weil Pollesch Rollenrede durch Theorie-Sample ersetzt und die Schauspieler zu Mitautoren macht oder weil bei Christoph Marthaler die Zeit stillsteht. Die Volksbühne ist etwas Besonderes, nicht nur, aber vor allem, weil hier mit vollautarken Künstlerpersönlichkeiten wie Kathrin Angerer, Sophie Rois, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg, Bernhard Schütz, Susanne Düllmann, Henry Hübchen, Alexander Scheer, Hanna Hilsdorf, Marc Hosemann, Margarita Breitkreiz, Georg Friedrich, Irm Hermann ­undundundund das Ensemble mit der vermutlich höchsten Stardichte Deutschlands spielte, keine Kunstdienstleister, sondern, mit einer Formulierung von Alexander Kluge (auch ein Freund und großer Bewunderer von Castorfs Theater) eine „Armada erstklassiger Individualisten in einer Zeit kollektiver Kämpfe“.

Das ist jetzt vorerst vorbei. Mal sehen, ob Dercon mit seinen eingekauften Gastspielen länger als zwei Spielzeiten durchhält und wie lange es sich Kultursenator Lederer leisten kann, tatenlos zuzusehen, wie unter Dercon für sehr viel Geld sehr wenig Theater produziert werden wird. Das prächtige Chaos der Castorf-Jahre wäre noch nicht aufgebraucht gewesen. Es war die beste Zeit.

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