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Peter Licht über Moliиres Stück „Der Geizige“

Lichttip Um ganz simpel anzufangen: Was interessiert jemanden, der „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ singt, an Moliиres Stück „Der Geizige“ über den Geldverleiher Harpagon, einen frühen Kapitalisten aus dem 17. Jahrhundert?
PeterLicht Da ist schon vieles durchdekliniert von dem, was man auch heute feststellen kann. Das finde ich interessant. Es geht um Ansammlung, es geht um Verknappung, es geht um Ausbeulung, um Verfetten. Sparzwang und Kapitalhäufung. Adipositas ist ein Phänomen, das eng mit Kapitalismus verknüpft ist.

tip Ihre Stückfassung beginnt damit, dass Harpagons Sohn Clйanthe seinen Vater als analen Charakter beschimpft, jemand, der alles bei sich behalten will, auch beim Stuhlgang. Die naheliegende Lesart der Komödie ist simpel: Der geizige Vater will aus lauter Geldgier seinen Sohn und seine Tochter daran hindern, glücklich zu werden und die zu heiraten, die sie lieben. In Ihrer Fassung verschieben sich diese simplen Wertungen. Bei Ihnen können Harpagons Kinder mit ihrem Leben nichts anfangen, sind regressive, selbst- und konsumverliebte Narzissten, die ganz gut nach Berlin-Mitte passen würden. Im Kontrast zu die­sen parasitären Riesenbabys wird Harpagon fast sympathisch. Wollten Sie Moliиre umdrehen?
PeterLicht Mein Ziel war, dass Harpagon eine plausible Figur ist, dass man ihn mag. Das Original von Moliиre finde ich in seiner Machart großartig, das ist in sich geschlossen und perfekt. Bei mir hat Harpagon einen leichten Hau ins Esoterische. Ich habe mich gefragt, was steckt hinter diesem Geiz für eine Sehnsucht? Ist das eine Sehnsucht nach Reinheit? Das hat etwas Anarchisches, dass man raus möchte aus diesem Sys­tem mit seinen Konsumbefehlen. Eigentlich ist Harpagon der größte Systemverweigerer und Antikapitalist. Er sagt, ich möchte nackt auf dem Feld stehen, es möge mir auf die Zunge regnen, und der liebe Gott nährt mich. Er betrachtet ein Reiskorn und ist davon fasziniert. Das ist das Ge­genteil einer Kapitalistenkarikatur mit dickem Bauch und Zigarre, die Hassgestalt aus Brecht-Stücken. Wenn man sich heute die Wirtschaftsführer ansieht, dann sind das schmale, durchtrainierte Asketen, Zen-Buddhis­ten der Effizienz. Geld, Kapitalismus, Markt, Marketing, Betriebswirtschaft hat einen Religionsersatzcharakter. Da geht es nicht um Genuss und Prasserei, sondern um den demütigen Dienst an der Marktwirtschaft.

tip Im Kontrast zum von protes­tantischer Ethik geprägten Bankier Harpagon sind seine Kin­der genusssüchtig, kleine Möch­te­gernaristokraten. Das ein­zige, was Clйante, Harpagons Sohn, wirklich fasziniert, ist Konsum. Er scheint diese Warenwelt mehr zu lieben als andere Menschen. Ein Zitat: „Es gibt so viele Sachen, Zeugs, Lebensqualitäten, ich bin mit denen in Verbindung, mit den Sachen, die rufen mich.“ Eher armselig, oder?

LichtPeterLicht Das ist als Haltung schon zweifelhaft, klar. Aber das hat auch damit zu tun, dass man am Leben teilhaben will, dass man „Ja“ sagen will. Man kann sich schwer allem verweigern. Man muss „Ja“ sagen, um im Schwarm der Menschheit, in der Horde dabei zu sein, um nicht der kaputte, depressive, isolierte Au­ßenseiter zu sein.

tip Oder, mit den Worten des großen Dichters Jochen Distelmeyer: „Von der Unmöglichkeit, nein zu sagen, ohne sich umzubringen.“
PeterLicht Das ist sehr gut gesprochen.

tip Sind das nicht in Wirklichkeit komplett falsche Alternativen – entweder besinnungslos jeden Trend mitmachen und jedes neue iPhone und das iPad und unbedingt eine ici!-Berlin-Brille kaufen oder als einsames Wrack enden, das alleine zu Hause sitzt und die Wand anschaut.
PeterLicht Das sind natürlich pro­totypische Alternativen. So funktioniert kein Leben. An Clйanthe wird eine Haltung durchdekliniert, bis es richtig schmerzt, bis es peinlich wird und man anfängt, sich für diese Figur zu schämen. Ich schäme mich ja auch für mich, weil ich so was schreibe, weil das meine Gedanken sind. Die fließen ja durch mich durch, das bin offenbar ich. Natürlich denke ich, mit so einer emotionalen Matrix habe ich nichts zu tun, aber natürlich ist das ein Teil von mir.

tip Sie begeben sich nicht auf die selbstgefällige Position des kritischen Beobachters, der schein­bar von außen, moralisch bequem, den Kapitalismus und seine Glücksversprechen kritisiert.
PeterLicht Nein, ich lebe in diesen Widersprüchen. Ich möchte glücklich sein im Kapitalismus mit Kapitalismus. So. Aber natürlich möchte ich das nicht. Ich möchte „Ja“ sagen, ich kann nicht „Ja“ sagen, ich muss aber „Ja“ sagen. Ich sehe das ganze Zeug, meine Welt ist vollgestellt mit Ange­boten, mir all diese Dinge oder Dienstleistungen oder Biografievarianten zu kaufen oder an mir machen zu lassen und mitzusegeln, dann bin ich dabei, und ich reagiere emotional darauf. Ich als das tollste Geschöpf auf der Welt sehe schlecht aus dabei. Es ist erbärmlich, und es ist ein Teil von mir. (singt:) Du und ich und wir und sie gehören wohl auch dazu … Das neue MacBook finde ich natürlich total geil, gleichzeitig ist es natürlich total unwichtig. Ich brauche das nicht, ich brauche gar nichts aus diesem Waren­angebot. Ich liebe es.

tip Gleichzeitig benutzen wir die Waren, mit denen wir uns ausstatten, für unsere Identitätskonstruktion.
PeterLicht Erwachsensein im Kapitalismus heißt, einkaufen zu gehen.

tip Möglichst ohne sich von den Glücksversprechen des Warenangebots das eigene Gefühls­leben komplett zumüllen zu lassen. Hat Ihre Faszination durch die Warenwelt auch damit zu tun, dass Sie mal in der Werbung gearbeitet haben?
PeterLicht Ich arbeite immer in der Werbung. Ich bin immer im Dienst. Dieses Gespräch ist Werbung. Jeder Ton ist Werbung. Jedes Wort. Jeder Klugschiss. Jedes Bekenntnis.

tip Ihre CDs klingen immer ein wenig wie Selbstgespräche, denen man zuhören darf. Wenn man Theater macht, arbeitet man mit vielen anderen zusammen. Ist das soziale Rauschen am Theater für Sie eher schön oder eher lästig?
PeterLicht Es ist eher beides. Es geht um Gruppen, um sozialen Austausch. Am Anfang hat es mich schon sehr erstaunt, wie enorm emotional das ist. Aber diesmal habe ich einfach den Text geschrieben und im Theater abgegeben. Was dabei rauskommt, sehe ich erst bei der Premiere. Ich gehe nicht zu den Proben oder so.

tip Wie kamen Sie zum Theater?
PeterLicht In diesem Fall hat mich die Chefdramaturgin des Maxim Gorki Theaters gefragt, ob ich Moliиres Stück neu schreiben will. Ja, wie kam ich ans Theater? Das ist eine sehr freie, hysterische, utopische Welt, das gefällt mir. Im Theater bündelt sich ein Stimmengewirr, das ich sonst so nicht höre, das finde ich großartig. Manchmal hat man im Theater das Gefühl, dass man direkt an den Zeitstrom angekoppelt ist. Und manchmal will man nur schreiend rausrennen, aber das ist okay. Schreiend rausrennen ist okay. Schreiend sitzenbleiben ist okay. Oder Sitzenbleiben bei anderer Leute schreiendem Rennen. Ist auch okay. Theater ist riskant, und ob es unerträglich ist oder umwerfend, entscheidet sich in der letzten Sekunde.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Christian Knieps

Termine: Der Geizige
im Maxim Gorki Theater
z.B. am Fr 26.2., Mi 10.3., Do 18.3., 19.30 Uhr; Tickets www.tip-berlin.de/tickets

zur Person:
PeterLicht singt „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ und hat der Welt luftig-melancholische Popsongs geschenkt. Seine Bücher, erschienen im Blumenbar-Verlag, sind aufs Schönste verschwurbelte Gedankenspaziergänge. Wer das nicht mag, ist selber schuld. Mehr unter: www.peterlicht.de

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