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„Pfusch“ liegt in der Luft – Interview mit Herbert Fritsch

Herbert Fritsch über seinen Abschied von der Volksbühne und „Pfusch“, seine letzte Inszenierung am Rosa-Luxemburg-Platz

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritsch
Der heute 65-Jährige war immer Anarchist – erst als Schauspieler, dann als Regisseur gekonnt sinnfreier, virtuos überdrehter Inszenierungen, die gerne wirken wie Dada auf LSD. Als Schauspieler war er seit Anfang der 1990er Jahre an der Volksbühne, etwa in Frank Castorfs „Clockwork Orange“. Seine Volksbühnen-Inszenierungen „der die mann“, „Die (s)panische Fliege“, „Murmel Murmel“, „Ohne Titel Nr, 1“ waren zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

tip Herr Fritsch, ist der Titel Ihrer neuen Produktion „Pfusch“ eine Drohung oder ein Versprechen?
Herbert Fritsch Wenn ich das wüsste. Ich wurde gefragt, was ich als nächstes mache. Und in einem Wutanfall habe ich gesagt, als nächstes mache ich Pfusch. Weshalb ich wütend war, sage ich aber jetzt nicht. Eigentlich ist das kein schlechter Titel, auch wenn es vielleicht etwas voreilig war, den Abend so zu nennen. Jetzt proben wir, und ich weiß nicht, ob wir möglicherweise das Thema verfehlen und am Ende doch keinen Pfusch abliefern. Aber das wäre (weil: Thema verfehlt) ja dann auch wieder Pfusch. Ich will auch keinen Themenabend über Pfusch machen. Aber irgendwie liegt Pfusch so in der Luft. Wer pfuscht, macht das, was er macht weder mit Liebe noch mit Sorgfalt. Pfusch kann auch bedeuten, dass Sachen gemacht werden, die angeblich ganz großartig sind, obwohl hinten und vorne nichts stimmt. Von der Kulturpolitik bis zu den Klempnern, egal wo man hinsieht, überall wird gepfuscht.

tip Wie arbeiten Sie denn bei den Proben daran, möglichst großartigen Pfusch herzustellen?
Herbert Fritsch Ich weiß  nicht, was das werden soll, ich mache mir auch keine großen Gedanken. Auf den Proben wird halt intensiv irgendwas gemacht. Wir spielen jetzt tagelang alle zusammen Klavier. Ich habe im Augenblick keine Ahnung, was das jemals für eine Szene ergeben soll. Oder wir reden exzessiv irgendwie merkwürdig und versuchen, so richtig schlechtes Theater zu machen. Wir spielen Comics und schlechte Zeichentrickfilme nach. Es wird wahnsinnig viel gesabbelt, man merkt, wie leer Sprache plötzlich wird und wie unbedeutend sie ist, auch in Bezug auf Politik. Überall sind tolle Rhetoriker unterwegs, es werden die unglaublichsten Seifenblasen produziert. Momentan bewegt sich das bei den Proben alles auf ziemlich dünnem Eis. Das entsteht alles aus einem Fingerschnipsen, wenn es gut läuft. Ich hätte jetzt nicht unbedingt ein Stück mit einer durchgehenden Handlung machen wollen. Das kann natürlich auch die absolute Katastrophe bei der Premiere werden. Diesmal arbeiten wir wirklich in einem Zustand, in dem wir nicht wissen, was das werden kann.

tip Das haben Sie vor den Premieren von „Murmel, Murmel“ und „der die mann“, zwei Ihrer erfolgsreichsten, tollsten Inszenierungen auch gesagt.
Herbert Fritsch Vor der Premiere von „Murmel, Murmel“ wussten wir noch am Tag der Premiere nicht, ob wir jetzt damit total abstürzen.

tip Bei den rhetorischen Seifenblasen, die Sie eben erwähnt haben, fällt einem natürlich Herr Dercon mit seinen elaboriert hochgestochenen und immer etwas nebeligen Statements ein.
Herbert Fritsch Gegen Herrn Dercon als Privatperson habe ich gar nichts. Er kann einem nur leidtun, weil er den kulturpolitischen Pfusch von Herrn Renner ausbaden muss. Ich glaube nicht, dass er weiß, auf was er sich da eingelassen hat. Er wird halt für irgendwas benutzt, von dem sie in der Politik gerade dachten, dass es eventuell ganz hip ankommen könnte. Eigentlich ist das völlig egal. Es ist ja auch völlig egal, was dann auf der Bühne oder auf irgendwelchen Pressekonferenzen stattfindet, es geht um nichts, Hauptsache, es ist schön bunt und irgendwie angesagt. Pfusch halt.

tip Offenbar gibt es auch beim Pfusch große Unterschiede. Ist Pfusch ein Lebensgefühl?
Herbert Fritsch Ja, vielleicht, manchmal. Pfusch ist ja oft so ein Zustand von Orientierungslosigkeit. Eigentlich ist man noch hier, aber auf einmal muss man gehen und ist woanders, obwohl man im Kopf noch hier ist. Dann ist man für einen Moment in einem Zwischenzustand, der auch wirr und unklar sein kann. Ich meine das gar nicht wehmütig, das ist einfach ein Übergangsstadium. Kennen Sie diese geflickten Straßen, die wie ein Dauerprovisorium aussehen? Es gibt Menschen, die mich an solche Straßen erinnern.

tip Apropos Übergangsstadium: Das ist vermutlich Ihre letzte Arbeit an der Volksbühne.
Herbert Fritsch Nicht vermutlich, sondern ziemlich sicher. Nächstes Jahr gehe ich an die Schaubühne.

tip Und das bedeutet, dass Ihre lange, aufregende Geschichte mit diesem Theater vorbei ist.
Herbert Fritsch Absolut. Das ist die letzte Arbeit, vielleicht wird sie nur ein paar Mal gespielt. Das ist schon so, dass es erstmal etwas weh tut, dass man jetzt weggeht. Ich will diese Übergangssituation zulassen und mich nicht hinter einer vorgetäuschten Sicherheit verstecken. Noch schnell ein Stück zu machen, damit die Leute denken, Mensch, das wäre so toll, wenn der noch weiter hier arbeiten würde – genau so eine Pose interessiert mich nicht. Ich will einerseits zulassen, dass ich traurig und dadurch auch etwas gehemmt bin. Aber ich will nicht zu stark darauf Bezug nehmen. Man will ja auch nicht larmoyant werden.

Pfusch an der Volksbühne Do 24.11., Sa 26.11., Mi 30.11., Fr 9.12., 19.30 Uhr, Eintritt 12–40 €

 

 

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