• Kultur
  • Theater
  • Philip Glass über „Einstein on the Beach“ im Haus der Berliner Festspiele

Theater

Philip Glass über „Einstein on the Beach“ im Haus der Berliner Festspiele

Einstein_on_the_Beach_Robert_Wilson_and_Philip_Glass_c_LucieJansch2012Wie hat der Erfolg von „Einstein on the Beach“ Ihre Karriere beeinflusst?
Ich habe viele vollkommen andere Werke komponiert. Ich wollte mich nicht wiederholen. Wenn ich „Einstein on the Beach“ heute wieder höre, bin ich sehr dankbar, dass ich damals fähig war, eine solche Oper zu schreiben. Die Vorarbeiten haben bereits zehn Jahre vorher in Paris begonnen, als ich Schauspielmusik für Becketts Stücke schrieb. Ich kehrte Ende der Sechzigerjahre nach New York zurück und war dort vollkommen unbekannt. Ich hatte kein Geld, ich bin Taxi gefahren, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kannte niemanden in der Stadt. Ich habe ein Instrumentalensemble zusammengestellt und an meiner musikalischen Sprache gearbeitet. Ich habe geübt. Robert Wilson war schon etwas bekannter, als „Einstein on the Beach“ herauskam. In Europa fanden die Aufführungen in mittelgroßen Theatern statt, aber als wir das Werk nach New York brachten, wurde es in der Metropolitan Opera gespielt. Als meine Mutter im Jahr 1969 nach New York zu einem meiner Konzerte kam, bestand das Publikum mit ihr aus sechs Personen. Sie fuhr zurück nach Hause und kam sieben Jahre später wieder nach New York, um „Einstein on the Beach“ zu sehen – in der ausverkauften Metropolitan Opera. Meine Mutter war sicher sehr überrascht von dieser Entwicklung, und ich selbst war mindestens ebenso überrascht. Wir haben einfach den Nerv der Zeit getroffen. Wir hatten sehr viel Glück.

„Einstein on the Beach“ gilt wegen der starken Abstraktion auf musikalischer und visueller Ebene als Werk der Avantgarde. Sie haben allerdings auch an konventionelleren und mitunter kommerzielleren Projekten mitgewirkt. Ist das ein Widerspruch?
Ich habe mich nie als Avantgardekomponisten verstanden. Diese Kategorien waren immer egal. Wenn ich eine Marke hätte sein wollen, dann hätte ich mich nach dem Erfolg von „Einstein on the Beach“ einfach selbst kopieren können. Das wäre bestimmt kommerziell viel erfolgreicher gewesen als viele meiner späteren Kompositionen. Ich habe weiter abstrakte Musik geschrieben und ich habe nie aufgehört, mit Musikern aus anderen Weltregionen zu arbeiten. Ich habe gerade mit afrikanischen Musikern gearbeitet, weil mich die Verbindung verschiedener Kulturen immer gereizt hat. Ich habe drei Opern nach Werken von Jean Cocteau geschrieben. Das hielten viele Kritiker für rückwärtsgewandt, während ich ihn für einen der interessantesten Theaterautoren halte. Ich gehörte nie zur musikalischen Avantgarde, ich war eher konventionell und habe überhaupt kein Problem damit. Ich mache einfach, was mir gefällt.

Einstein_on_the_beach_trial_c_2012_PomegranateArts_LucieJanschDas künstlerische Leitungsteam von „Einstein on the Beach“ besteht aus US-Amerikanern. Allerdings hatten der Regisseur Robert Wilson, die Choreografin Lucinda Childs und Sie viele der größten Erfolge in Europa. Wie amerikanisch oder wie europäisch verstehen Sie sich selbst?
Meine Musik ist vor allem asiatisch beeinflusst. Meine rhythmischen Vorstellungen entstanden aus der Zusammenarbeit mit dem Sitar-Virtuosen Ravi Shankar. Einige meiner Quellen sind also überhaupt nicht europäisch, aber Europa war für mich immer ein Ort, an dem ich sehr gut arbeiten konnte. In den Vereinigten Staaten war das in vielfacher Weise schwieriger. Von meiner Musik kann ich erst leben, seit ich vierzig bin, vorher hatte ich Nebenjobs. So geht es heute noch vielen jungen Komponisten hier in New York, niemand kann davon leben. In Europa wird die Kunstförderung bedauerlicherweise stark zurückgefahren. Früher waren die Niederlande und Deutschland die großzügigsten Förderer zeitgenössischer Kunst. In den Niederlanden wurde das in den vergangenen Jahren fast vollkommen zurückgefahren. Auch in Deutschland ist es nicht mehr so komfortabel wie einst. In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatten wir in Europa sehr gute Arbeitsbedingungen.

Die Weiterentwicklung eines Bühnenwerks besteht gewöhnlich darin, dass andere Regisseure es neu und anders interpretieren als bei der Uraufführung. Mit Ihren Wiederaufnahmen konservieren Sie eine Sichtweise des Gesamtkunstwerks. Stellen Sie Ihre frühere Arbeit jetzt als schickes Ausstellungsstück ins Museum?
Verschiedene Regisseure haben „Einstein on the Beach“ inszeniert, und Robert Wilson und ich haben das immer unterstützt. Achim Freyer hat in Stuttgart eine sehr erfolgreiche Trilogie meiner Werke inszeniert. Robert Wilson und ich haben keine neue Inszenierung gemeinsam erarbeitet, weil das extrem schwierig gewesen wäre und weil wir mit unserer alten Arbeit sehr glücklich sind. Wir haben uns entschlossen, sie organisch weiterzuentwickeln. Die Choreografien von Lucinda Childs sind erst über die Jahre ein essenzieller Teil des Gesamtkunstwerks geworden. Wir verstehen „Einstein on the Beach“ nicht als Museumsstück, sondern als Kunstwerk mit einem Eigenleben. Wir wollen kein totes Museumsstück zur Verehrung freigeben. Wir freuen uns, wenn das Werk in lebendigen Aufführungen immer wieder ein Publikum beeindrucken und emotional packen kann.

Interview: Uwe Friedrich

Foto: Raymond Meier (Seite 1 oben), Lucie Jansch 2012 / Pomegranate Arts 

Einstein on the Beach Haus der Berliner Festspiele, Preview So 2.3., 18.30 Uhr, Mo 3.3., Mi 5.–Fr 7.3., 18.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

zurück Seite 1

Mehr über Cookies erfahren