Theater

Philipp Stölzl: „Verdi ist Pop!“

Stoelzl_Philipp_VI_c_MatthiasBausPhilipp Stölzl, geboren 1967 in München, begann mit Musik-Videos (unter anderem „American Pie“ von Madonna). Nach seinem Spielfilm-Debüt mit „Baby“ (2002 mit Lars Rudolph) drehte er 2008 das Bergsteigerdrama „Nordwand“ mit Benno Führmann und Johanna Wokalek. Seit 2005 inszeniert er auch Opern – vor allem in Basel, bei den Salzburger Festspielen und in Berlin, wo „Rienzi“ ein großer Erfolg wurde (2010, Deutsche Oper). Sein neuer Film „Der Medicus“ (mit Ben Kingsley) startet am 25. Dezember. Philipp Stölzl lebt in Berlin.

Herr Stölzl, Sie haben in der Oper bislang vor allem Wagner inszeniert. Worin besteht der Unterschied zu Verdi?
Verdi ist viel poppiger! Der „Trovatore“ jagt von einer absurden Drehung zur nächsten. Jedes Bild scheint bei null anzufangen. Er springt von Effekt zu Effekt. Pop daran ist die Lust an der einfachen Melodie und an großer, scharf umrissener Emotion. An der Dynamik: Hit auf Hit. In gewissem Sinne war Verdi der Andrew Lloyd Webber seiner Zeit. Nur viel radikaler.

Das ist aber gemein!
Wieso? Verdis Nummern wurden bei Volksfesten auf der Piazza von Blech-Bands nachgespielt. Das versuchen Sie mal bei Wagner, dem Sektenführer. Wunderbar finde ich auch, wie alle Aufmerksamkeit Verdis bei der Stimme liegt. In ihr liegt alle Emotion und Intelligenz. Die Begleitung ist oft nicht mehr als eine Art „Orchestergitarre“.

Ist der „Trovatore“ absurdes Pop-Theater?
Absurd, aber theatralisch absolut wirksam. Kaum jemand ist in der Lage, die Handlung des „Trovatore“ in drei Sätzen zusammenzufassen. Seinem skeptischen Librettisten schrieb Verdi, er wolle genau diese effektgeladene, grelle Überromantik haben, die man in der spanischen Stückvorlage findet: Hexerei, verbrannte Babys, belagerte Festungen und Raub aus dem Nonnenkloster. Ein bisschen Lust am „bad taste“, an der Kolportage. Verdi wusste genau, was er tat.

Ließe sich eine wirre Story wie im „Trovatore“ jemals verfilmen?
Schwierig. Würde wahrscheinlich so eine Art Buсuel-Film ergeben. (Lacht.) Wenn Manrico wie eine lebende Kanonenkugel auf die Bühne platzt, kann ich mir das nicht anders erklären als durch Verdis Willen zum Experiment und zur Modernität.

Wie sind Sie, vom Film kommend, zur Oper gestoßen?
Ich bin eigentlich Bühnenbildner, bin bis Ende zwanzig mit Armin Petras herumgezogen. Irgendwann habe ich den Beruf an den Nagel gehängt, um Musikvideos zu machen. Eines Tages fragte mich Sebastian Baumgarten, mit dem ich befreundet war: „Du machst doch so tolle Rammstein-Videos, willst du nicht mal eine Oper inszenieren?“ Ich bin dann ohne berufliche Ambitionen zu ihm nach Meiningen gegangen, um den „Freischütz“ zu machen. Zu Rammstein passt der „Freischütz“, dachte ich.

Inwiefern passt Rammstein zu Carl Maria von Weber?
Beide mixen düstere deutsche Seelenqual und reißerische Kolportage. „Du hast“ von Rammstein war mein allererster Clip als Regisseur, da wurde die Band gerade erst groß in den USA. Letztes Jahr war ich mal wieder im Konzert. Wahnsinn! Die haben ihren Stil über die Jahre immer mehr verfeinert, eine Mischung aus Artaud, Stuntshow, Götterdämmerung und AC/DC. Man wundert sich fast, dass so etwas Schräg-Theatralisches so riesige Hallen füllt.

Theatralisch zu sein, ist wichtig?
Ich hoffe bei allen meinen Sachen, dass sie einen Unterhaltungswert haben. Das kommt vielleicht von der Kino-Arbeit. Beim Kino schlägt ja die Stunde der Wahrheit immer an der Kasse. In der Oper hat man das nicht. Die hat sowieso ihr Publikum, und das kommt in der Regel ohnehin wegen der Musik. Und nimmt die Regie so hin.

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Es ist manchmal behauptet worden, all Ihre Arbeiten würden stark von einer Bild-Idee ausgehen. Richtig?
Fast. Wenn ich konzipiere, hör’ ich die Musik und kritzle 1?000 kleine Zeichnungen in ein Büchlein, bis sich eine Bild-Idee und ein gedanklicher Ansatz herausschälen. Bild und Erzählung entstehen gleichzeitig.

Im Film haben Sie mit Madonna zusammengearbeitet, im „Trovatore“ mit Anna Netrebko. Wer ist die größere Diva?
Im direkten Vergleich: Madonna. Wenn Sie zu den zehn bekanntesten Leuten der Erde gehören, einen Bodyguard brauchen, eine Entourage, die sich um Reisen, Wohnen, Essen etc. kümmert, ein Heer an Managern, First-Class-Make-up-Artisten und so weiter. Sie versuchen, eine gewisse Distanz zu halten. Trotzdem war es auch nett mit Madonna. Sie hat mit im Schneideraum gesessen und Sushi für alle geholt.

Und Netrebko?
… steht irgendwann allein im Proberaum: „Hallo, ich bin die Anna, lass uns loslegen.“ Sie ist supernett, absolut offen und humorvoll, bringt eigene Ideen mit ein. Mehr kann man sich als Regisseur nicht wünschen. Glücklicherweise hat sie meine „Trovatore“-Inszenierung schon in Wien gesehen und mochte sie. Wenn sie auf den Proben aussingt, kriege ich Gänsehaut.

Ein Sänger wie Placido Domingo, der jetzt bei Ihnen als Graf Luna debütiert, gilt nicht unbedingt als Fan des Regietheaters.
Domingo hat die Tenorrolle des Troubadours bestimmt 60 Mal in seinem Leben gesungen, viele Male das Werk selber dirigiert. Klar hat er sich im Lauf der Zeit seine Meinung über das Stück gebildet. Ein extrem liebenswerter Mensch und ein völlig disziplinierter „Bühnensoldat“.

Worin besteht der Unterschied zwischen der Arbeit mit Sängern und Filmschauspielern?
Sänger sind ein bisschen wie Hochleistungssportler, weil das Singen eine so körperlich anstrengende Sache ist. Es ist grandioses Handwerk, die Darstellung kommt als Bonus dazu. Bei Filmschauspielern besteht die große Kunst darin, inmitten eines total fragmentierten, technischen Prozesses am Set einen glaubhaften Charakter herzustellen – und zwar immer nur für kürzeste Momente, in denen die Kamera läuft. Auf „Los“ muss da seelische Tiefe fürs Close-up entstehen.

Warum haben Sie mit dem Drehen von Musik-Videos aufgehört?
Ich hab in den letzten sieben Jahren vier Kinofilme und acht Operninszenierungen gemacht. Da war keine Zeit. Außerdem bin ich auch jetzt echt zu alt dafür. Mein zehnjähriger Sohn zeigt mir seine Favoriten auf Youtube. MTV spielt bei den Kids absolut keine Rolle mehr.

Ihr Vater ist ein bekannter Berliner CDU-Politiker. Spielt man als Sohn dagegen an?
Das werde ich oft gefragt. Er war mit seinem Wahnsinns-Zettelkastenwissen – von Rubens bis Donald Duck – immer eher Inspiration und Hilfe für mich. Lustigerweise sind wir, obwohl mein Vater zig Instrumente spielt, nie in die Oper gegangen, höchstens zu Weihnachten in „Hänsel und Gretel“. Ich gehe erst in die Oper, seit ich selber inszeniere. Irgendwie ist sie mir immer noch etwas fremd. Ich guck da rein wie ein begeisterter Laie.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Matthias Baus

Il Trovatore Staatsoper im Schiller-Theater, Fr 29.11., 19 Uhr, Mi 4.12., 19.30 Uhr, Sa 7.12., 19.30 Uhr, Mi 11.12., 19.30 Uhr, So 15.12., 18 Uhr, Do 19.12., 19.30 Uhr, So 22.12., 18 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55 

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