Recherche-trip

„Pillen“ im Theaterdiscounter

In Pillen geht die Gruppe lunatiks im Theaterdiscounter auf eine theatrale Recherche über durch Medikamente erzielte Norm- und Extremzustände  

Foto: LunatiKs
Foto: LunatiKs

Pillen sind kleine Dinger mit großer Wirkung. Schnell geschluckt, können sie ängstliche Menschen mutig machen oder nervöse Leute ruhigstellen. Diese Diskrepanz zwischen der materiellen Winzigkeit der Substanz und ihrer oft erstaunlichen Wirkung inspirierte das Regie- und Rechercheteam um Janette Mickan und Christina Flick, sich im theatralischen Kontext um diese „Happy Pills“ zu kümmern, die in den 50er-Jahren die Wirtschaftswunder dies- und jenseits des Atlantiks ankurbelten und zugleich die Gleise legten für die psychedelische Revolution der 60er-Jahre. Auch die Rolling Stones besangen damals „Mother’s Little Helpers“, die der gestressten Hausfrau durch den arbeitsreichen Tag helfen.

Ein im vergangenen Jahr erschienener Report der DAK-Gesundheit zeigt, dass auch heute noch Millionen Deutsche Hirndoping mit Barbituraten und Tranquilizern betreiben – ohne Rücksicht auf die mitunter erheblichen Gesundheitsrisiken. Gut zwei Dutzend Interviews führte Mickan vor der Probenphase. Psychologen und Psychiater waren darunter, Mitarbeiter von Pharmafirmen und Drogenexperten, Konsumenten und Angehörige von Personen, die auf Tablettentrips verlorengingen.
Teile von zehn dieser Interviews sind direkt in die Performance eingegangen. Sie entfalten ein großes Panorama des Tablettenkonsums. Bodenständige Konsumenten sprechen davon, wie sie Begleiterscheinungen locker kaschierten. Ein Mann ist stolz darauf, dass die Pillen ihn dazu brachten, im Jobcenter aufzubegehren. Ärzte erzählen davon, dass das Gros der Medikamente nur dann wirke, wenn der Patient auch daran glaube. Dann aber betriebe die ganze Pharmabranche ein (teures) Geschäft nur mit Placebos.

Auch Antonin Artaud taucht auf, dieser Avantgarde-Theaterheld der vorletzten Jahrhundertwende, der in einem vor Wut sprühenden Brief das Opium verteidigt als ein Mittel, das es dem Einzelnen erlaube, die existentielle Angst, die ihn erschüttere, selbst zu dosieren. Dieses Manifest für den freien Gebrauch von Drogen brachte ein Arzt im Interview in das Projekt ein, erzählt Mickan.
Sie und ihre Co-Regisseurin Flick wollen aber nicht nur braves Recherche-Theater abliefern. Vielmehr bauen sie mit ihren Performern an einem synästhetischen Ereignis, das Stimmungen aufnimmt und Zwischenräume schafft. „Stimmen, von denen nicht klar ist, woher sie kommen, sollen mit den inneren Stimmen der Zuschauer verschmelzen. Der Raum soll Träger von Stimmungen werden“, verspricht Mickan. Auch ein Schlagzeug steht im Raum, gibt mal den pulsierenden Takt des Herzens vor, schweigt dann wieder und wird allein durch seine Existenz zum Auslöser von Klang und Rhythmus.

„Pillen“ ist eine Reise zu den Befreiungsmomenten, die bestimmte Substanzen gewähren können. Sie ist zugleich eine Reflexion darüber, was Normalzustände sind und warum Menschen mit allen Mitteln, auch den pharmazeutischen, daran arbeiten, diesen Normalzustand möglichst dauerhaft zu erreichen. Die Performance regt auch zum Nachsinnen an, ob jetzt Mother’s little helpers den Sieg davongetragen haben oder die Bewusstseinserweiterungsexperimente der 60er- und 70er-Jahre. Eine Zeitreise, ganz ohne etwas einwerfen zu müssen.

Theaterdiscounter 15.–17.12, 20 Uhr, Eintritt 13, erm. 8 Euro

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