Peter Laudenbach

„Pöbel-Publikum“

In den guten alten Zeiten durften sich Wertkonservative unter den Theaterbesuchern über den Verfall von Anstand und Sitte auf den Bühnen aufregen: Nackte! Hakenkreuze! Castorf! Der Untergang des Abendlandes schien nahe.

Inzwischen ist man weiter. Nicht nur Künstler, auch Zuschauer sind geübt in der Kunst, sich entspannt daneben zu benehmen. Während Tristan und Isolde den Liebestod sterben, kann man ja noch mal schnell die E-Mails am Smartphone lesen. Wenn sich das Warten in „Warten auf Godot“ wieder mal etwas in die Länge zieht, wird im Parkett beherzt das Abendbrot verzehrt. Das Bühnengeschehen lautstark zu kommentieren wie ein Fußballspiel vor dem heimischen Fernseher, ist längst nicht mehr nur im Kindertheater ein Zeichen reger, wenn auch nicht immer kenntnisreicher Anteilnahme. Dass im Zuschauer­raum an Wasserflaschen genuckelt wird, während Hamlet über den Suizid nachdenkt oder im Dokumentartheater ein Massenmord verhandelt wird, ist ohnehin üblich: Das ganze Elend macht halt durstig. Dank reger Publikumsbeteiligung, wenn auch in der respektlosen Variante, entstehen ganz neue Formen des Mitmachtheaters – selbst bei klassischen Konzerten. In Köln wurde jüngst ein iranischer Cembalist, der es wagte, Musik des 20. Jahrhunderts zu spielen, so niedergezischt, dass er das Konzert abbrach. Die naive Vorstellung, Kunstgenuss setze zumindest die Kenntnis von Mindestanstandsregeln voraus, ist angesichts der Verwahrlosung eines Teils des Publikums möglicherweise zu optimistisch.

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