Theater

Polina Semionova: Die Primaballerina

Polina_SemionovaAls 2002 ein völlig unbekanntes, 17-jähriges Mädchen direkt von der Moskauer Bolschoi-Ballettschule zur Ersten Solistin des Berliner Staatsballetts ernannt wurde, flüsterten viele hinter vorgehaltener Hand von Verantwortungslosigkeit. Denn wie, bitte schön, könne man ein so völlig unerfahrenes Ding in eine Position hieven, für die andere Jahre brauchen. Kaum ein Jahr später war die so jung engagierte Polina Semionova als „Baby-Ballerina“ in aller Munde, als Wunderkind und aufgehender Stern am Balletthimmel. Heute ist Polina Semionova, 1984 in Moskau geboren, ein Weltstar. Eine Frau mit Schwanenhals und meterlangen Beinen, sehr schlank, aber kein bisschen ausgezehrt. Die gern auch mal bei Mode-Shootings mitmacht, Ruhm, Erfolg und das dazugehörige Geld genießt und dabei umwerfend frisch, unbekümmert und bescheiden wirkt. Wer sie einmal zum Gespräch traf,war möglicherweise etwas enttäuscht. Denn wirklich viel zu erzählen hat Polina Semionova nicht. Sie hat eben ihr Leben von Kindesbeinen an in Ballettsälen verbracht.
Hat trainiert und trainiert, weil ihr die Lehrer wieder und wieder eingeflüstert haben, dass sie leider einen für klassisches Ballett überhaupt nicht geeigneten Körper habe. Und sie hat ihnen geglaubt und dann noch mehr gearbeitet, denn sie wollte nichts anderes in ihrem Leben als tanzen.

In Vladimir Malakhovs Staatsballett ist ihr Talent erblüht. Als Aurora etwa in der berühmten „Dornröschen“-Fassung von Rudolf Nurejew, in der sie wie eine Knospe tanzte, der sich kein Prinz allzu schnell nähern darf. Dieses Nichtwissen um das eigene Talent ist keine Legendenbildung, kein Marketing in eigener Sache, sondern wohl schlicht die Methode, die Polina Semionova von ihren Lehrern übernommen hat. Mit der sie sich selbst immer weiter vorwärtsgetrieben und sich keine Atempausen gegönnt hat. Polina Semionova ist jetzt 25 Jahre alt, den kindlich-mädchenhaften Liebreiz, der dem klassisch-romantischen Ballett so gut steht, beherrscht sie nach wie vor perfekt, aber er ist in den Hintergrund getreten. Stattdessen erlebt man auf der Bühne eine wahrhafte Vollbluttänzerin. Ungemein athletisch, geschmeidig, vibrierend vor Lust an den eigenen Möglichkeiten, ein Körper, durchtrainiert bis in jede Faser ihrer Muskeln. Polina Semionova ist Perfektionistin, eine, die ihren Chef und Tanzpartner Vladimir Malakhov anbettelt, doch bitte noch eine Stunde länger den Trainingssaal nutzen zu dürfen. Die im Jahr 120 Paar Ballettschuhe verbraucht und nicht, wie die meisten anderen, um die 60. Ja, das ist sicher auch eine Geschichte, die sich inzwischen um sie gerankt hat, die Sache mit den vielen Schuhen, überhaupt ihr ganzer unglaublicher Fleiß, ihre Disziplin, ihre Besessenheit. Unmöglich erklärt das aber, wie sie die Tatjana in John Crankos berühmtem Handlungsballett „Onegin“ tanzt oder die Manon in Kenneth MacMillans gleichnamigem, nicht ganz so tollem Ballett und all ihre anderen Rollen. Denn auf der Bühne scheint es so, als ob Polina Semionova alle Höhen und Tiefen der menschlichen Seele kennt, alle Nuancen von Eifersucht und Verblendung, von Demütigung und den Versuchen, darin doch die Würde zu bewahren. Alles Plakative, im klassischen Ballett leider sehr verbreitet, ist ihr fremd. Aber was hat sie dazu zu sagen? Eigentlich nicht viel. Außer, dass sie während ihrer Ausbildung beim Bolschoi nur Gesichter aufgesetzt und gar nicht wirklich begriffen habe, was es heißt, eine Rolle zu spielen. Und was heißt es? „Zu fühlen.“ Punkt. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Denn: „Der Rest, der kommt dann von allein.“ Bei ihr ist das offenbar tatsächlich so.
Fragt man Polina Semionova, wie es ihr in der für ihre strengen, rigorosen Praktiken bekannten, russischen Ballettkaderschmiede am Bolschoi-Theater ergangen sei, sagt sie nur, ja sicher, Angst vor den Lehrern habe sie schon gehabt. Aber als Polina Semionova noch gar nicht allzu lange in Berlin war und von dieser Schulzeit sprach und die kindlichen Schrecken noch einmal Revue passieren ließ, mischten sich in ihrer Stimme bereits Schauer und Amüsement.Aufgehoben in der Welt, daran hat sie nie einen Zweifel gelassen, hat sie sich auch damals, zu Schulzeiten, gefühlt. Das hat vielleicht auch mit ihrem Bruder Dmitry zu tun. Drei Jahre alt war sie, als die Mutter die kleine Polina und ihren zwei Jahre älteren Bruder zum Eiskunstlauf brachte. Bald wechselten sie an eine Laientanzschule, als sie acht und ihr Bruder zehn war, absolvierten beide die Aufnahmeprüfung an der Moskauer Bolschoi-Ballettschule. Beide bestanden, Polina besuchte zunächst die Vorbereitungsklassen.

Mittlerweile stehen beide manchmal gemeinsam auf der Bühne. Denn auch Dmitry Semionov wurde vor zwei Jahren als Erster Solist ans Staatsballett engagiert.Vom Intendanten Malakhov war das ein genialer Schachzug. Denn es gibt immer wieder attraktive Angebote aus aller Welt, mit denen man die Berliner Starballerina abzuwerben versucht. Natürlich war das nicht der einzige Grund. Auch Dmitry Semionov ist ein herausragender Tänzer. Dass die kleine Schwester berühmter ist, sehen beide gelassen. Sie sind beide hochgewachsen, und wenn sie gemeinsam als Liebespaar auf der Bühne stehen, sieht man einfach einen unglaublich miteinander harmonierenden Tanz. Längst vereint die Semionova alles in sich, was es für eine große Ballerina braucht. Technische Perfektion und Anmut, makellose Schönheit, Leichtigkeit, Ausdruckskraft und eine unglaubliche Musikalität, die selbst im Probenraum jeder ihrer Bewegungen innewohnt. Es gibt da aber auch noch etwas anderes: Der Tanz von Polina Semionova mag sehr elegant, sehr klar und manchmal überirdisch schön sein, er ist gleichzeitig immer auch aus Fleisch und Blut und zugleich durchdacht. Auch wenn sie darum vielleicht nicht viele Worte zu machen weiß. Aber sie hat es eben.

Text: Michaela Schlagenwert
Foto: Enrico Nawrath

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