Theater

Pop-Theater-Regisseur Stefan Pucher

pucher_stefan_c_Arno_DeclairStefan Puchers Geschichte mit Berlin gleicht einer komplizierten Beziehung. Beide Seiten nehmen immer wieder neue Anläufe, anschließend macht man lieber eine längere Pause, um später doch wieder zusammenzukommen. Pucher, der seine Theaterkarriere Mitte der 90er bei Tom Stromberg am Frankfurter TAT begann und damals mit ein paar Jungperformancekünstlern namens Gob Squad zusammenarbeitete, hatte sein erstes Berlin-Rendezvous 1998 mit „Flashback“ an der Volksbühne. Ein zweiter Versuch acht Jahre später scheiterte daran, dass das Theater die Rechte für Tennessee Williams’ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ nicht bekam. Ersatzweise inszenierte Pucher „Platonow“ – im Bühnenbild der Katze. Und dann gab es vor drei Jahren „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ am Gorki Theater. Auch kein Durchbruch für Pucher und Berlin, jedenfalls kam kein Anschlussprojekt zustande.

In Zürich, Wien, München und früher auch Hamburg hingegen inszeniert Pucher, der 1965 im hessischen Gießen geboren wurde, regelmäßig und immer wieder mit großem Erfolg. Erst vor Kurzem war sein „Tod eines Handlungsreisenden“ vom Schauspielhaus Zürich beim Theatertreffen zu Gast; überhaupt schafft es fast jedes Jahr eine Pucher-Inszenierung in die Auswahl. Lange Zeit galt, was Pucher macht, als exemplarisch für „Pop-Theater“, weil er Shakespeare und Tschechow unter anderem auch mit den Augen desjenigen las, der Nachtleben und Glamour am eigenen Leib erfahren hat. Den Blick auf die alten Texte und ihre Musikalität hat ihm das nicht verstellt. Pucher überträgt Stücke nie einfach nur in ein zeitgeistiges Setting, sondern lässt sie ins Surreale und Fantastische driften, in künstliche Welten, die – wie etwa sein Münchner „Sturm“ oder der Zürcher „Kaufmann von Venedig“ – einer Art Drogenlogik folgen und an schräge Trips oder Träume erinnern. Jetzt, Ende Mai vor dem Deutschen Theater, vergleicht Stefan Pucher das ewige Wiederholen des Kanons mit dem US-amerikanischen Western.

Auch der erzähle dieselbe Story immer wieder neu: „Erst gestern habe ich ‚True Grit‘ gesehen, im Original von Henry Hathaway.“ Der Mann, der da über John Wayne fachsimpelt, sieht geradezu unverschämt gesund aus, nach frischer Luft und Frühsport, das genaue Gegenteil eine Probebühnenlemure. Tatsächlich steht er früh auf, bringt seinen 8-jährigen Sohn zur Schule, geht schwimmen – und ist doch kein Wellnesstyp. Er strahlt eine angenehme, produktive Ruhelosigkeit aus. Stephen Belbers „Tape“, seine erste Arbeit am Haus von Ulrich Khuon, werde ein „Schnellschuss“, sagt er: „Nur drei Wochen Probenzeit.“ Das Stück erzählt die Geschichte zweier Highschoolfreunde und -rivalen, die sich nach Jahren wieder begegnen. Jon ist inzwischen erfolgreicher Filmregisseur geworden, Vince dealt immer noch und schafft es, Jon ein Geständnis abzuringen: dass er nämlich vor zehn Jahren Vinces große Liebe Amy vergewaltigt hat. Aber war es wirklich eine Vergewaltigung? Die große Kachelmann-Frage. Zusammen mit Richard Linklater hat Belber sein Stück 2001 mit Ethan Hawke und Uma Thurman verfilmt. An den Kammerspielen inszeniert Pucher mit Nina Hoss, Felix Göser und Bernd Moss: „Es geht wie von selbst, das ist richtig unheimlich. Wozu braucht man einen Regisseur, wenn man so gute Schauspieler hat?“

tape_c_Arno_DeclairEin Wellmadeplay wie „Tape“ ist für Pucher relativ fremdes Terrain, überhaupt hat er die Amerikaner gerade erst für sich entdeckt. Als zeitgenössische Autoren schätzt er sonst eher Anti-Dramatiker wir Renй Pollesch (den er auch schon inszeniert hat), Elfriede Jelinek und Rainald Goetz, dessen als Ausgeherzählung getarnte Poetologie „Rave“ er gerade in seiner bisher letzten Inszenierung „Mjunik Disco“ an den Münchner Kammerspielen verwendet hat. „Wir haben noch mal draufgeguckt mit Zärtlichkeit und neuem Schauer“, grinst Pucher. „So machen wir das jetzt. Über Drogen reden bei Kamillentee und Jever Fun.“ Mit Hipness habe das übrigens wenig zu tun, eher schon mit Romantik und Erfahrungen der Transzendenz – und damit, den Augenblick endlos verlängern zu wollen bis hin zum Stillstand und Auslöschung. Geht das denn auch im Theater? Der Regisseur windet sich: „Das ist so ein Kitsch, was soll ich da sagen? Theater ist auch eine Zwangsgemeinschaft und ein Ausnahmezustand: Man tut so, als wäre das irre wichtig. Danach stolpert man aus dem schwarzen Raum ins Licht und durch Berlin.“ Man ahnt: Wahrscheinlich bleibt die Beziehung Pucher-Berlin kompliziert. Alles andere wäre auch langweilig.

Text: Eva Behrendt

Foto: Arno Declair

Tape
DT-Kammerspiele,  11.–13.6., 25.6., 20 Uhr, Karten-Tel.: 28 44 12 21

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