Theater

Porträt Daniel Barenboim

Daniel_Barenboim„Kein Dirigent macht großartige Musik. Ein großer Dirigent ist in der Lage, ein Orchester an den Punkt zu führen, dass es großartige Musik macht. Denn es sind die Orchestermusiker, die tatsächlich den Klang produzieren“, schreibt Daniel Barenboim in einem seiner Essays, die man auf seiner Website www.danielbarenboim.com lesen kann. Geboren ist Daniel Barenboim 1942 in Buenos Aires als Sohn russisch-jüdischer Eltern. In Buenos Aires gab er auch 1952, siebenjährig, sein erstes öffentliches Konzert. 1952 zogen seine Eltern nach Israel. Seine ersten Schallplattenaufnahmen entstanden 1954, er war zwölf Jahre alt. Sein Debüt als Dirigent gab er 1966 in London. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und seit Oktober letzten Jahres auch musikalischer Direktor der Mailänder Scala.

Die wichtigste Produktion der diesjährigen Festtage der Staatsoper ist zweifellos die Premiere von Alban Bergs zweiter, in fragmentarischer Form zwei Jahre nach Bergs Tod 1937 in Zürich uraufgeführten  Oper „Lulu“, „zusammen mit Schönbergs ‚Moses und Aron‘ die letzte traditionelle Oper“ (Adorno). An der Staatsoper inszeniert das Werk Andrea Breth, die schon bei der von der Kritik bejubelten Premiere von Bergs erster Oper „Wozzeck“ vor einem Jahr Regie führte. „Ich glaube sehr an Teamarbeit“, sagt Daniel Barenboim im Gespräch. „Deswegen habe ich damals mit Harry Kupfer den gesamten Wagner gemacht. Als Team. Und jetzt zusammen mit Andrea Breth die beiden Opern von Alban Berg, ‚Wozzeck‘ und ‚Lulu‘. Wenn man anfängt, an einem gemeinsamen Stil zu arbeiten, dann ist es besser, dies in einer bestimmten Kontinuität zu tun. Ich habe, seit ich zur Staatsoper gekommen bin, immer zyklisch gearbeitet. Ich habe zunächst den ganzen Beethoven-Zyklus gespielt, dann Brahms, dann Schumann, dann Mahler, dann Bruckner, dann alle Orchesterstücke von Schönberg, dann die Wagner-Opern. Wenn man sich mit dem Gesamtwerk eines großen Komponisten beschäftigt hat, versteht man vielleicht ein bisschen mehr davon. Man sieht die unterschiedlichen Seiten. Wenn man nur ‚Wozzeck‘ kennt oder ‚Wozzeck‘ macht, hat man nur diese Welt, aber wenn man ‚Wozzeck‘ und ‚Lulu‘ macht, hilft das weiter, ein komplettes Bild von Berg zu bekommen.“

Neben seiner weltweiten Tätigkeit als Dirigent hat sich Daniel Barenboim auch immer an kulturpolitischen Debatten und Projekten beteiligt. „Es macht mich sehr traurig, auf welche Art und Weise viele Themen zurzeit in Israel politisiert werden, zum Beispiel Wagners Musik“, sagt der Musiker. „Ich habe größten Respekt vor und Mitgefühl mit den Überlebenden des Holocaust und davor, dass viele von ihnen es nicht ertragen, Wagners Musik zu hören. Es gibt einige Ausnahmen, so zum Beispiel den Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertйsz, aber diejenigen, die unter schlimmen Assoziationen leiden, soll man nicht zwingen, Wagners Musik zu hören. Deswegen habe ich mich stets geweigert, Wagner in Abonnementkonzerten aufs Programm zu setzen. Hingegen finde ich das bei Konzerten, die im freien Verkauf sind, vollkommen vertretbar. Dann hat jeder die Wahl: Wenn Sie Wagner hören wollen, gehen Sie zur Kasse und kaufen sich eine Karte. Wenn Sie Wagner nicht hören wollen, kaufen Sie sich keine Karte. Warum aber sollte jemand in der Lage sein dürfen, jemand anderen davon abzuhalten, sich etwas anzuhören, weil man selbst damit nicht leben kann? Ich bin ja kein Wagner-Apostel. Ich sage nicht, Wagner ist so wichtig, die Leute sollen über ihren Schatten springen, aber ich finde, niemand sollte in einer Demokratie das Recht oder die Macht haben, andere davon abzuhalten, sich etwas anzuhören. Aber das ist zurzeit in Israel symptomatisch für die gesamte Problematik einer Politisierung von Themen, die im Grunde nicht politisch sind.“

Eines seiner Projekte, das zwar nicht unmittelbar politischen Charakter haben soll, aber ein wichtiges Zeichen zur Völkerverständigung setzt, ist das West-Eastern Divan Orchestra, das er 1999 zusammen mit dem 2003 verstorbenen US-amerikanisch-palästinensischen Kulturwissenschaftler Edward Said gründete. Said hatte Daniel Barenboim in einem Londoner Hotelfoyer zwanglos angesprochen. Es folgte eine jahrelange Zusammenarbeit, die sich in dem gemeinsamen Buch „Parallels and Paradoxes: Explorations in Music and Society“ manifestiert. Es ist eine Anthologie von Dialogen der beiden über ästhetische, musikpädagogische und politische Fragen. Das West-Eastern Orchestra ist als ein Orchester von jungen israelischen, arabischen und spanischen Musikern konzipiert, das sich Jahr für Jahr in Sevilla neu zusammensetzt, um gemeinsam ein Tourneeprogramm zu erarbeiten. Es steht sozusagen für ein friedliches Zusammenleben in der Alltagspraxis.

Daniel Barenboim: „Das West-Eastern Divan Orchestra ist ein Projekt, das entstanden ist, weil Edward Said und ich sehr von der politischen Entwicklung im Nahen Osten enttäuscht waren. Da wir auf keinen Fall an eine militärische Lösung glaubten, dachten wir, wir sollten etwas machen, was das genaue Gegenteil des politischen Zeitgeistes im Nahen Osten ist. Es ist kein politisches Projekt in dem Sinne, dass es eine politische Idee gäbe, der die Musiker folgen sollten, mit der Ausnahme, dass wohl kein Musiker zum West-Eastern Divan Orchestra kommt, der an eine militärische Lösung glaubt. Es geht darum, ein Verständnis zwischen den Menschen zu erzeugen, einen Respekt vor der Erzählung des anderen, besonders wenn man mit dessen politischen Ideen nicht einverstanden ist. Das ist die Grundidee.“ 


Text: Andreas Hahn
Foto: Chris Lee

Lulu
Staatsoper im Schillertheater,
u.a. am 31.3., 4., 11., 14.4., 19 Uhr, 9.4., 16 Uhr
Karten-Tel. 20 35 45 55

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