Theater

Porträt der Dramatikerin Marianna Salzmann

Marianna_Salzmann_c_LutzKnospeEin Platz ganz außen in der zweiten Reihe der kleinen Box des Deutschen Theaters in Berlin erlaubt gelegentlich kleine Einblicke ins Jenseits des Als-ob. Zum Beispiel Anfang September am Ende der Uraufführung von Marianna Salzmanns Stück „Muttersprache Mameloschn“. Da stürmte die junge Autorin in den schwarzen Shorts mit dem Lockenschopf hinter die Bühne und herzte und küsste die Schauspielerinnen und die Regisseurin so stürmisch, dass die Spionin in der zweiten Reihe sich kein passenderes Ende für diesen herzlichen Abend hätte ausmalen können.

In „Muttersprache Mameloschn“ geht es um ungewisse Identitäten und die diffizilen Beziehungen von Müttern und Töchtern, die noch um einiges diffiziler sind durch das historische Gepäck, das diese drei Frauen mit sich schleppen: die Großmutter eine Jüdin, die das KZ überlebte und in der DDR überzeugte Kommunistin war; die Tochter am orthodoxen Judentum so desinteressiert wie vom gescheiterten sozialistischen Experiment angeödet; die Enkelin ein internationales Kind von heute, das in New York lebt und zaghaft nach Wurzeln sucht, vielleicht sogar bei der Großmutter. Alle miteinander in Liebe, Genervtheit und Abgrenzung verbunden. Salzmann erzählt das in einer leichten, unsentimentalen Patchwork-Technik, gegliedert durch jiddische Witze und mit einiger Entschlossenheit, uns gut zu unterhalten, ohne uns blöd zu machen. Und die junge Regisseurin Brit Bartkowiak inszeniert mit drei tollen Schauspielerinnen so metier­sicher, charmant und zu Herzen gehend, dass man sich plötzlich im Publikum umgeben sah von feucht glänzenden Augen und hellem Gelächter, das sich am Ende in langem Applaus entlud.

Grund genug, ein bisschen mehr über Marianna Salzmann erfahren zu wollen. Gar nicht so einfach: Gleich nach der Premiere ist sie nach Istanbul abgereist, ein Stipendium des Goethe Instituts. „Skypen“, schlägt sie per Mail vor, „ist zwar nicht ganz das Wahre, aber eine Option.“ Wenn es jemand gibt, bei dem Skypen dem Wahren ziemlich nahekommt, ist es wahrscheinlich Marianna Salzmann. Ihre Präsenz überbrückt mühelos den Laptop-Bildschirm. Da sitzt sie also in Istanbul, der kräftige Lidstrich weist mit zwei kleinen Flügelchen optimistisch nach oben und dann legt sie los im weißen Zimmer in Tarabya, der neugegründeten Kulturakademie des Goethe Instituts in der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters bei Istanbul. „Ein Paradies“, sagt sie ganz nah an der Kamera. Fahrraeder_koennten_eine_Rolle_speilen_c_EsraRotthoff„Ich bin so ein Glückspilz.“ Es muss nicht einmal ein Text entstehen in diesen drei Monaten. Aber drei Projekte hat sie ohnehin im Gepäck und Istanbul wird schon genug Fragen auslösen, die dann Text werden wollen. „Ich kann eigentlich nicht nicht schreiben, wenn ich an einem neuen Ort bin.“
Und an neuen Orten ist sie dauernd. Das ist einerseits ein Erfolgsnachweis: Nachwuchsdramatiker in Deutschland leben von Vor-Ort-Stipendien im In- und Ausland. Es ist andererseits Marianna Salzmanns früh geprägte Natur. Sie war zehn, als ihre Familie Moskau verließ und nach Deutschland ging, sogenannte „Kontingent-Flüchtlinge“, die in Wellen in den 90er-Jahren auf Einladung einreisen durften und auf die Bundesländer verteilt wurden. Ihre jüdischen Eltern wollten den Kindern die zunehmende Diskriminierung im postsowjetischen Russland ersparen. Mit zehn lernt Marianna Deutsch, ein perfektes, völlig akzentfreies Deutsch, das auch ihre poetische, rhythmische, sehr genaue Arbeitssprache ist; aber auf die Frage nach ihrer Muttersprache sagt sie nach einigem Zögern: „Russisch!“ Es ist das einzige Zögern in diesem lebhaften Skype-Gespräch und es hat seinen Grund: „Die Sprache“, sagt sie, „formt ja das Denken.“ Sie denke anders mit russischen Worten, sogar ihre Stimme klinge anders auf Russisch, sagen ihre Freunde. Sie sagt einen Satz, und ja: Dunkler ist ihre helle Stimme plötzlich. Und sie hat ein Beispiel parat: Auf Russisch gibt es zwei verschiedene Worte für Ehe. Für Männer heißt es: „befraut sein“. Für Frauen: „hinter ihrem Mann stehen“. Das muss doch Folgen haben für das Geschlechterverhältnis!

Man darf annehmen, dass Mariannas Ehe mit einem deutschen Heilpraktiker eher den deutschen Begriffen von Verheiratetsein folgt. Mit ihrer Familie spricht sie Russisch – aber nicht mit allen. Ihr Bruder war zwei, als sie Moskau verließen, er spricht die Sprache nicht, hat aber anders als sie einen russischen Akzent. Seine Hauptsprache ist Englisch, weil er als Game-Designer arbeitet und „praktisch nonstop im Netz ist – und er sieht aus wie ein Türke“. Sie lacht. Ihr Bruder ist ein prachtvolles Exempel für die These, um die alle Salzmann-Stücke kreisen: dass sich moderne Identitäten aus tausend verschiedenen Bruchstücken zusammensetzen. Weshalb jede Verallgemeinerung zur Schublade wird, aus der Salzmanns Figuren mit Elan ins Freie springen.
Wie sie selbst, die Jüdin, die in Stalingrad (das 1985 längst schon Wolgograd hieß) geboren wurde, in Deutschland lebt, auf den ersten Blick ein frisches Nachwuchstalent ist und in Wahrheit schon mit 17 zusammen mit ihrem Freund und Kollegen Deniz Utlu ein höchst anspruchsvolles Magazins namens „freitext“ gegründet hat, das dieses Jahr 10 Jahre alt wird und sich im interkulturellen Kontext intensiv mit genau dieser Frage befasst: wie man die eigene Identität wohl bitte selbstbestimmt definieren könne, jenseits von äußeren Zuschreibungen. Damals hatte sie gerade die Schule abgebrochen, arbeitete als Quereinsteigerin am Schauspiel Hannover und schrieb ihr erstes Stück. Das Abitur machte sie schließlich nach, um in Hildesheim Theaterwissenschaft zu studieren – und wieder abzubrechen, eine bewusste Entscheidung fürs Geschichtenerzählen, die zum Studium „Szenisches Schreiben“ an der UdK führte: „Ich verstehe überhaupt nicht, wieso man angeblich keine Geschichten mehr erzählen kann. Ich wüsste Hunderte, die man aufschreiben müsste.“ Und jetzt müsse sie mal pathetisch werden: Theater interessiert sie vor allem als Ort, an dem man auch politisch arbeiten kann. „Und dafür muss man vom elitären Bürgertum wegkommen. Wenn die Theater ihre Türen endlich weit aufmachen würden, blieben die Leute da, wenn man ihnen Geschichten erzählte!“
Sage und schreibe acht Stücke hat sie seit 2011 geschrieben, die in München und Berlin, Hannover, Karlsruhe und demnächst in Heidelberg uraufgeführt werden. Zur Patchwork-Identität der Marianna Salzmann gehört aber auch der Plan B, der entstand, als sie auf die Zusage der UdK wartete: Bewährungshelferin werden! „Ich kann gut mit schwierigen Jugendlichen! Aber das kann ich ja auch noch mit 60 machen.“

Bis dahin wird sie weiter mit Wörtern arbeiten und damit, wie sie uns definieren, festlegen, verändern. Eins wurde schon konsequent umbenannt: Aus dem Label Migrationshintergrund ist in ihrem Mund und dem ihrer Freunde konsequent „Vibrationshintergrund“ geworden; ursprünglich ein Kindermissverständnis, das ihr Kollege Selim Özdogan seiner kleinen Tochter ablauschte. „Bitte verbreiten Sie das, da wär ich sehr dankbar!“, sagt sie und rückt ganz nah an ihren Laptop. Aber gerne! Das schöne Wort beschreibt ja wunderbar das Schillernde, Changierende, Vibrierende interkultureller Biografien, wie sie Marianna Salzmann interessieren. Und für die sie in Shermin Langhoffs „postmigrantischem“ Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, das schon zwei Stücke von ihr herausgebracht hat, den optimalen Ort gefunden hat: Eine Minderheit auf der Bühne spricht zur Mehrheit, erzählt von sich, einer Generation nach Migration und Holocaust, und fordert auf, die Begriffe und Zuschreibungen zu überdenken. Dort wird auch ihr nächstes Stück zu sehen sein, im November, das sie zusammen mit Deniz Utlu schreibt. Als Autorenkollektiv nennen sie sich „Angry Birds“, in „freitext“ schreiben sie sich Briefe von ihren Reisen, die vielleicht irgendwann ein Buch werden sollen.
Er wird gleich in Istanbul ankommen, um für eine Woche mit ihr an dem neuen Stück zu arbeiten, das sich mit dem NSU-Ausschuss beschäftigt. Aus der Sicht von Andreas, der das absolute Gedächtnis hat, „eine absolute Ausnahme in Deutschland“. Und jetzt muss sie los, Deniz abholen. Der Bildschirm wird dunkel. Ja, skypen ist eine Option. 

Text: Barbara Burckhardt
Fotos: Lutz Knospe, Esra Rotthoff

Termine: Muttersprache Mameloschn
im Deutschen Theater, z.B. r 30.11., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 21

Fahrräder könnten eine Rolle spielen
Ballhaus Naunynstraße,
Fr 23., So. 25. bis Fr. 30.11., 20 Uhr,
Karten-Tel. 75 45 37 25

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