Theater

Porträt der neuen HAU-Chefin Annemie Vanackere

Annemie_Vanackere„Neueröffnung“ steht weiß auf blau an der Eingangstür des HAU 2. Der Laden, der hier ab November zeitgemäßes Kulturgut unters Volk bringen will, tritt kein leichtes Erbe an. Der Vormieter hat bei seinem Auszug im Sommer eine superlativische Bilanz hinterlassen. Matthias Lilienthals HAU war Trendsetter und Beschleuniger der Synapsenaktivität schlechthin: Schwerer dürfte es ein neues Team selten gehabt haben.
Die neue Intendantin Annemie Vanackere sitzt in ihrem Büro und wirkt auf eine gute Art gespannt, eher konzentriert als angestrengt. „Ich versuche bewusst, nicht so wahnsinnig aufgeregt zu sein“, lacht sie. Dabei hätte die 46-Jährige jedes Recht, zumindest noch mal ihre kurze Vorbereitungszeit auszuspielen. Als der nebenberufliche Kultursenator Klaus Wowereit und sein Staatssekretär Andrй Schmitz mit Vanackere im Frühsommer 2011 endlich doch noch ein Ass für die Lilienthal-Nachfolge aus dem Ärmel gezogen hatten, war selbiges natürlich schwer beschäftigt. Bis Anfang dieses Jahres erfüllte die gebürtige Belgierin ihren Vertrag als Chefin der Rotterdamse Schouwburg, einem international renommierten Produktions- und Festivalhaus in den Niederlanden. Vanackere erwähnt nichts von diesen Stressfaktoren. Sie strahlt, und zwar ziemlich infektiös: „Schön, dass es jetzt losgeht!“

Los geht es Anfang November gleich vier Tage lang, mit Konzerten, Aktionen und drei zentralen Produktionen. Der französische Choreograf Jйrфme Bel stellt in seinem „Disabled Theater“ gemeinsam mit geistig behinderten Akteuren des Zürcher Theaters Hora angemaßte Deutungshoheiten und Ausschlusspraktiken infrage. Die Performer sprechen ohne den Schutz einer Theaterrolle über ihren Schauspieler-Beruf oder ihre Behinderung und tanzen Soli nach selbst gewählter Musik. Parallel untersucht das niederländische Theaterkollektiv Schwalbe unter dem Motto Schwalbe spielt falsch in Zusammenarbeit mit Tim Etchells Überlebensinstinkte und Strategien in alltäglichen Duellen. Und die niederländisch-flämische Truppe Wunderbaum will Berlin mit einer Vision out of Nothing beglücken.

Diese „Vision out of nothing“ ist die einzige Neuproduktion für Vanackeres Neustart. Schwalbe kam noch in Rotterdam heraus, Jй­rфme Bels „Disabled Theater“ lief schon in Avignon, auf der Ruhr­triennale und der dOCUMENTA. In Fachkreisen wurde deshalb spekuliert, ob Annemie Vanackere möglicherweise die Exklusivitätsneurose fehlt. „Entweder die Ruhrtriennale oder ich – so denke ich tatsächlich überhaupt nicht“, erklärt die HAU-Chefin. „Wir haben den Bel-Abend koproduziert. Ich kenne und schätze Jйrфmes Arbeit seit Ewigkeiten; und was er mir damals von seinen Plänen zu ‚Disabled Theater‘ erzählte, fand ich so interessant, dass ich unbedingt dabei sein wollte.“ Wo die Aufführung überall gezeigt werden würde, stand damals noch nicht fest. Und selbst wenn, hätte es Vanackere vermutlich nicht gestört. „Ich saß im Mai in der Uraufführung beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel, war total begeistert und dachte: Toll, jetzt haben wir fürs HAU eine richtig starke Eröffnungsproduktion!“ Kooperieren und koproduzieren wird Vanackere übrigens nicht nur mit auswärtigen Partnern, sondern auch mit Berliner Kollegen. Im HAU 1 hat Fabian Hinrichs für sein Regiedebüt „Die Zeit singt dich tot“ geprobt, das beim Festival Foreign Affairs zu sehen war und in den HAU-Spielplan wandern wird. „Dass inzwischen so gut wie jedes Festival Exklusivität einfordert“, so Vanackere, „macht es für die Künstler ungeheuer schwierig.“

Im Gespräch mit der studierten Philosophin landet man schnell bei konkreten Inhalten. Wo ein Künstler im Vergleich zu seiner letzten Produktion einen völlig neuen Akzent gesetzt oder an welchem Punkt genau eine Aufführung eben nicht funktioniert hat – darüber kann man mit der HAU-Chefin wahrscheinlich stundenlang und bemerkenswert (ergebnis-)offen reden. Die vollmundige Verkündung großer Programmatiken, ist nicht ihre Sache: „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die so voller Statements und Behauptungen sind; so habe ich bisher einfach nicht gearbeitet.“ In jedem Fall sieht sich Annemie Vanackere am HAU in der Tradition ihrer Vorgänger. Sie will an die von Lilienthals Vorgängerin Nele Hertling etablierte Internationalität anknüpfen wie auch an die von Lilienthal stark akzentuierte Interdisziplinarität.

Dass dabei neben Berlin-Neulingen auch gute alte HAU-Bekannte auftauchen, liegt daran, dass Annemie Vanackere mit vielen eine lange Geschichte verbindet. Rimini Protokoll oder Hans-Werner Kroe­singer gastierten schon vor Jahren in Rotterdam. Mit Meg Stuart, die dem HAU künftig eng verbunden sein wird, war Vanackere bereits 1992 als Produktionsleiterin auf Berlin-Tour. Vanackere ist sowieso Berlin-affin: „Die Entdeckung von Renй Pollesch und Frank Castorf an der Volksbühne gehört zu den aufregendsten Ereignissen meiner Theaterbiografie“, sagt sie.  Die Begeisterung setze sie in einem umfassenden niederländischen Volksbühnen-Festival um: Damit neben einer Bert-Neumann-Ausstellung und Polleschs „Pablo in der Plusfiliale“ auch Castorfs Dostojewski-Adaption „Erniedrigte und Beleidigte“ gezeigt werden konnte, mietete sie extra eine Drehbühne – und hätte am liebsten noch Christoph Schlingensiefs „Kunst und Gemüse“ eingeladen. „Aber ich war mir nicht sicher“, sagt sie und schlägt sich symbolisch gegen die Stirn: „Wie blöd kann man eigentlich sein?“ Andererseits: „Wenn du das in Rotterdam zeigst, einer harten Hafenstadt, wo Architektur, Design und bildende Kunst erst mal viel präsenter sind als Tanz und Theater, kommen da hundertfünfzig Leute.“ Eine finanzielle Unmöglichkeit. „Ich habe wirklich kämpfen müssen um das Publikum in Rotterdam.“

Apropos kämpfen: Warum schauen uns statt der jugendlichen Boxerinnen und Boxer, die vor neun Jahren zu Matthias Lilienthals Intendanzstart von den Plakatwänden blickten, jetzt Füchse, Vögel oder Schafe an? Hier argumentiert die HAU-Leitung mit der US-amerikanischen Theoretikerin Donna Haraway, die menschliche Herrschaftsperspektive auf alles von unseren Mustern Abweichende hinterfragt. Der Perspektivwechsel, mithin die Pollesch-affine Frage, „welche Logiken eigentlich dahinterstecken, jemanden als ‚den Anderen‘ zu markieren“, darf im Übrigen über die Plakat- und Postkartenkampagne hinaus als HAU-programmatisch gelten.
Wie die animalischen Porträts in der Öffentlichkeit ankommen, wird sich zeigen. Der neue und alte HAU-Musikkurator Christoph Gurk zum Beispiel, freut sich Vanackere, habe unter den Tiermotiven ein Exemplar ausgemacht, das mit hoher Sicherheit um sechs Uhr morgens bekifft aus dem Berghain käme.
Im Übrigen ist Annemie Vanackere wahrscheinlich der erste Berlin-Neuling weit und breit, der findet, in eine freundliche Stadt gezogen zu sein: Sie liebe diese spezielle Berliner „Direktheit“. Gute Voraussetzungen! 

Text: Christine Wahl

Disabled Theater
HAU 1, 1.–3.11., 20 Uhr
Vision out of Nothing
HAU 2, 1.–3.11., 20 Uhr
Schwalbe spielt falsch
HAU 3, 1.–4.11., 22 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

weitere Theater-Porträts:

RAINALD GREBE UND SEIN „DADA BERLIN“ PROGRAMM IM GORKI THEATER

BERLIN WIRD OPERNHAUPTSTADT

Mehr über Cookies erfahren