Theater

Prater-Eröffnung mit Pollesch-Stück

Ein Chor irrt sich gewaltig„Denkst du, du bist der einzige Chor in meinem Leben?“, schleudert Sophie Rois im epochalen Schwarzen und schönsten Boulevardtremolo ihrem achtköpfigen „Ehechor“ entgegen. Das denkt der Chor natürlich nicht. Sonst hätte er wirklich gar nichts begriffen. Denn schließlich befinden wir uns im neuen Stück von Renй Pollesch, wo das gute, alte, naive Repräsentationstheater gewohnt lustvoll durch den Boulevard- und Diskurswolf gedreht wird. Tatsächlich macht so ein Pollesch-Chor aus jungen Frauen in opulenten Roben, die direkt einer alten Fernsehkostümklamotte entsprungen scheinen und bes­tens zum geblümten Bühnenvorhang passen, nicht nur als Ehepartner, sondern auch in diversen anderen Rollen eine hervorragende Figur. So viel zur andernorts, zum Beispiel in den Inszenierungen von Volker Lösch, praktizierten Masche, große Laienchöre mit vermeintlich authentischem sozialen Betroffenheitsfuror auf der Bühne zu versammeln. „Eine linke Kapitalismuskritik kann nicht mit Moral funktionieren, sondern nur mit widersprüchlichem Denken“, hält der Pollesch-Chor dagegen und versenkt derartige Lehrsätze dabei gleich genüsslich dorthin, wo sie hingehören – und wo auch alle anderen Bausteine des Abends bereits lagern: In den Komplettboulevard.

Polleschs Produktion „Ein Chor irrt sich gewaltig“, mit der nach langen Renovierungsarbeiten der Prater wiedereröffnet wurde, sampelt ansehnlich die 70er-Jahre-Filmklamotte „Ein Elefant irrt sich gewaltig“, in dem ein hier (unter vielen anderen) von Sophie Rois gegebener Ehegatte verzweifelt versucht fremdzugehen, mit Theorieversatzstücken von Dietmar Dath über Giorgio Agamben bis zu Boris Groys. Und was bis dahin noch nicht vollständig in die Klamottenknie gezwungen war, knickt spätestens beim großen Bühnenkaraoke vom französischen Schlager bis zur Oper lus­tig ein. Es fallen so epochale Sätze wie „Mein Innenarchitekt hat mich beschissen“ oder „Ich bin natürlich für den Mindestlohn“ – und überhaupt ist Sophie Rois einfach zum Niederknien.
Andererseits besticht das alles aber auch durch eine derart konsequente Sinnfreiheit, dass schon ein geraumes Weilchen vor dem Schlusspunkt nach einer reichlichen Stunde alles gesagt ist. Große Nachhaltigkeitsvorwürfe kann man diesem Abend jedenfalls nicht machen.

Text: Christine Wahl
Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Annehmbar

Ein Chor irrt sich gewaltig
Prater, Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg,
Fr 17.4., 21 Uhr

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