Theater

Premierenkritik: Die Nibelungen an der Schaubühne

Nibelungen_c_Tania_KelleyEin so beliebter wie stupider Vorwurf gegen das so genannte Regietheater lautet, vor lauter Interpretation seien die Stücke kaum noch zu erkennen. Marius von Mayenburg führt an der Schaubühne dankenswerterweise vor, dass auch der Verzicht auf Interpretation nicht wirklich weiter hilft. Von Mayenburg, als Dramatiker spezialisiert auf die Psychopathologien des bürgerlichen Alltagslebens, hat Friedrich Hebbels Germanen-Saga „Die Nibelungen“ eher arrangiert als inszeniert. Die respektvoll-nüchterne Klarheit, mit der er die Handlung durcherzählt, reduziert das Stück auf den puren Plot und nimmt ihm seine eigentliche Faszinationskraft, die archaische Wucht, den Gewaltrausch, die uns gleichzeitig fremd und gespenstisch vertraut sind. Was übrig bleibt ist eine Art „Nibelungen“-Readers Digest, eine braves Hörspiel, bei dem man zufällig auch zusehen kann, aber keine echte Auseinandersetzung. Immerhin: Nichts daran ist peinlich, falsche Tonfälle und plumpe Ironisierungen erspart die Regie den Darstellern und dem Publikum. Dafür ist man inzwischen ja auch schon dankbar.

Auf den leeren Stufen einer ansteigenden Tribüne stehen Kriemhild, Siegried & Co. in heutiger Alltagskleidung herum, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio oder dem Büro. Robert Beyer stanzt seinen König Gunther als einen schlauen Bürokaten der Macht aus, Sebastian Schwarz macht aus Siegfried ziemlich überzeugend und komisch einen naiven Tor, ein Riesenbaby mit Riesenkräften, sächsischen Dialekt-Schlenkern und ungeschlacht baumelnden Gliedern. Hagen (Christoph Luser) ist als bad boy und Killer aus Feigheit der skrupellose Intellektuelle. Ein Abend für Schulklassen und Leute, die nach Lektüre von Herfried Münklers „Die Deutschen und ihre Mythen“ endlich mal wissen wollen, wer bei den Nibelungen wen massakriert.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Tania Kelley

(tip-Bewertung: Annehmbar)

Die Nibelungen (Termine)
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