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Premierenkritik zu Schlingensiefs „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“

Christoph Schlingensief ist bestens gelaunt. Seine Inszenierung „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ eröffnet das Berliner Theatertreffen, sie wird gefeiert wie bei der Duisburger Premiere bei der Ruhrtriennale. Der Ansturm ist gewaltig, und weil auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele, in die Schlingensief seine Kunst-Kirche gebaut hat, nur Platz für gut dreihundert Zuschauer auf den harten Kirchenbänke ist, gibt es im Foyer für noch mal so viele Zuschauer eine Life-Übertragung. Public Viewing im Theater, das dürfte eine Premiere des Theatertreffens sein. Erfreulicherweise wird das Premierenpublikum diesmal von den üblichen Reden verschont, in denen sonst immer zur Eröffnung des Festivals irgendein Kulturminister von der Bedeutung des Theaters für die Gesellschaft und überhaupt schwadronierte und Festspiel-Intendant Sartorius feierlich gute Laune zu verströmen versuchte. Was dann jedes Jahr zuverlässig dafür sorgte, dass das Publikum schon bevor das Theater losging mit dem Schlaf zu kämpfen hatte. Nichts davon diesmal, nur eine Rede auf Schlingensief in der Kassenhalle, aber die konnte der Berichterstatter schwänzen.

Die erste Inszenierung des Festivals ist auch gleich die ungewöhnlichste. Für seine
Kirche der Angst“ hat Schlingensief die Kirche nachgebaut, in der er in seiner Kindheit Messdiener war. Und bei den Ritualen der katholischen Messe bedient sich sein Fluxus-Oratorium, es ist eine denkbar persönliche, wahrhaftige und bewegende Inszenierung, mit der Schlingensief seine Krebs-Erkrankung ausstellt – samt Röntgenbildern seiner kranken Lunge, die wie Heiligenbilder an den Seitenwänden der Kunstkirche über Monitore flackern. Man sieht Filme, auf denen der verzweifelte Schlingensief nur noch wimmert, man hört, wie er seiner Freundin vom Befund des Arztes berichtet (“er sagt, leben Sie jeden Tag als wäre es ihr letzter“), und man sieht Super-Acht-Filme, die sein Vater vor über vier Jahrzehnten gedreht hat: Ein hübscher kleiner Junge, der Schlingensief einmal war, rennt glücklich durch die Dünen an der Nordsee. Das Leben ist schön, sagen diese Bilder.

Christoph SchlingensiefDiese intimen Dokumente sind eingebunden in die Bilderfluten des Schlingensief-Theaters: Nachgedrehte Fluxus-Filme mit einem afrikanischen
Joseph Beuys, Zitate von Beuys-Aktionen und dem verwesenden Hasen aus Schlingensiefs
Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung, einem schwarzen Gospel-Chor und einem reizenden
Kinderchor, Margit Carstensen und Angela Winkler im Krankenbett, die Schlingensief-Texte sprechen, Klaus Beyer als Jonathan Meese-Double und die Schlingendsief-Stars Achim von Paczensky und Kerstin Grassmann, die auf Schlingensiefs Anfänge verweisen, wenn sie immer wieder rufen müssen: „Oberhausner Kurzfilmtage sind die besten Kunstfilmtage! Avantgarde – Marmelade! Avantgarde – Marmelade!“ Da ist er wieder, der Schlingensief-Dada-Humor.
Schlingensief macht Ernst mit Kurt Schwitters Parole: “Wir spielen, bis der Tod
uns abholt
“. Eine schwere Krankheit ist noch lange kein Grund, sich von Dada zu verabschieden. Am Ende brüllt einer in der Kunst-Messe immer wieder „Dankeschön!
Dankeschön!“ Genau: danke schön.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: David Baltzer/bildbuehne

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

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