Klassiker

„Professor Bernhardi“ an der Schaubühne

Immer Ärger in der Klinik: Thomas Ostermeier inszeniert Arthur Schnitzlers Antisemitismus-Diagnose „Professor Bernhardi“ als bedrückend aktuelles Stück. Regiehandwerklich ist das virtuos, aber es gibt auch Probleme

Foto: Arno Declair

Edel geht es zu im Elisabethanium, einer Privatklinik, in der Glastisch und Rollcontainer des Büroaustatters USM-Haller für gediegenes Ambiente sorgen (Bühne: Jan Pappelbaum). Aber natürlich ist so ein Klinikalltag auch hektisch. Patientenakten werden gesucht; die Pathologin lässt kleine Spitzen über bei der Obduktion zu Tage getretene Behandlungsfehler fallen; eine Nachwuchskraft übt sich in Intrigen oder versucht einen Flirt mit der eingeschüchterten Schwesterschülerin. Und alle springen beflissen auf, wenn der Herr Professor mit wehendem weißem Kittel und im Vollbesitz seiner ärztlichen Autorität aus dem Zimmer der Schwerkranken stürmt und seine Hände, wenn schon nicht in Unschuld, dann wenigstens mit Desinfiziermittel wäscht. Kurz, es geht zu wie im wirklichen Fernsehen, aber wir sind nicht bei Doktor Brinkmann, sondern beim in Fachkreisen noch ein wenig berühmteren Professor Bernhardi. Tatort der Schicksalsschläge, an denen in dieser Klinik naturgemäß kein Mangel herrscht, ist keine Arztserie, sondern die Schaubühne.

Thomas Ostermeier hat gemeinsam mit seinem Dramaturgen Florian Borchmeyer die geschliffenen Dialoge von Arthur Schnitzlers Konversationsstück „Professor Bernhardi“ vom frühen 20. Jahrhundert in die nicht ganz so geschliffene Gegenwart versetzt. Der latente bis offene Antisemitismus der besseren Kreise im Wien um 1900, von dem Schnitzler hier erzählt, das Klima aus Karriereopportunismus, aggressivem Ressentiment und Kulturkampf schien dem Schaubühnen-Chef gut zur von Rechtspopulisten vergifteten Großwetterlage unserer Tage zu passen.

Damit fangen die Probleme der handwerklich virtuos gearbeiteten, über knapp drei Stunden in der psychologisch-realistischen Feintuning-Regie so glatt wie wirkungssicher abschnurrenden und bis in die  Nebenrollen hochkarätig besetzen Aufführung schon an: Der Eliten-Antisemitismus und seine Mechanismen des sozialen Ausschlusses im Wien der Jahrhundertwende sind etwas anderes und funktionieren anders als die Hass-Schübe der AfD-Wutbürger, zu deren Lieblingsfeindbildern bekanntlich gerade die gesellschaftlichen Eliten zählen.

Was geschieht? Klinikleiter Bernhardi (Jörg Hartmann) verweigert einem katholischen Geistlichen (Laurenz Laufenberg) den Zutritt zum Zimmer einer Sterbenden, die nichts von ihrem nahenden Tod ahnt. Glückliche letzte Lebensstunden seiner Patienten scheinen dem Arzt wichtiger als die theologisch gebotene letzte Ölung. Während die beiden Herren streiten, stirbt die Kranke im Nebenzimmer.

Bernhardi ist Jude, rechte Kreise inklusive seines machtrobusten Stellvertreters (Sebastian Schwarz) machen den versagten Segen für die Sterbende zum Skandal der Missachtung religiöser Gefühle. Was mit der Mechanik einer sozialwissenschaftlichen Versuchsanordnung folgt, ist die Ächtung, Absetzung und Verurteilung Bernhardis. Interessant wird das, weil es Hartmann gelingt, Bernhardi als unpolitisch Naiven zu zeigen, der nicht aufhören kann, sich mit ungläubigem Lachen, erstauntem Fragen oder fatalistischem Seufzen über die Dummheit und den fehlenden Anstand seiner Mitmenschen zu wundern.

„Professor Bernhardi“ an der Schaubühne

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