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„Qi – eine Palast-Phantasie“ im Friedrichstadtpalast

Qi_Schwannensee_reloaded_Foto_Stephan GustavusWenn eh alles im großen Nichts verschwindet, wenn zig Milliarden Dollar, Pfund, Yen und Euro einfach mal so an den Finanzmärkten verbrannt werden, dann bekommen Dinge wie ein gewaltiger Kristalllüster, der aus einem Wasserbassin herausgezogen wird, nur um drei, vier Minuten und ein kleines Liedchen lang in der Luft zu baumeln und dann mit dem Wasser wieder in die Tiefen der Unterbühne zu verschwinden, eine ganz eigene Bedeutung. Klar, es ist Verschwendung – und es ist großartig.
„Qi – eine Palast-Phantasie“ heißt die neue Show des Friedrichstadtpalasts, die auf alle Fälle eines leisten wird: Sie wird das in die Krise geratene Haus vor dem Abgrund retten. Mit einer zwar manchmal piefigen, insgesamt aber opulenten, beschwingten, überraschenden und rasanten Show. Es wird auf dem Eis getanzt und gezaubert, durch die Lüfte geflogen, es gibt die Girlsreihe, Clowns, orgiastische Lichteffekte und natürlich alle paar Minuten neue Kostüme und Wow!-Effekte. Vor allem aber gibt es bei jeder Nummer so viel an inszeniertem Chichi drumherum, dass die Zuschauer regelrecht nach einfacher, harter Virtuosität zu lechzen beginnen. Danach, dass die Eiskunstläufer endlich zeigen, was sie können (das ist einiges), dass die Mädels in der langen Reihe endlich ihre Beine schwingen (tun sie erst zum Schluss), dass die Flying Cranes am Trapez nicht nur malerisch posen, sondern mit Salti und Schrauben durch die Luft springen.
Die Vorgänger des amtierenden Intendanten Berndt Schmidt hatten den Glauben an die Revue und deren aneinandergereihten Nummernprogramme verloren. Sie setzten auf Musicals, die den einzelnen Auftritten allerdings nur so notdürftig und banal einen Sinn zu unterlegen vermochten, dass eine Produktion nach der anderen floppte. Zwischen 2000 und 2007 verlor das Haus fast die Hälfte an Zuschauern. Schmidt wurde im November 2007 als Retter und harter Sanierer engagiert – und offenbar ist er genau der Mann, den man jetzt braucht.
Qi_Foto_Stephan GustavusSchmidt hat für die Show Conny Porod freie Hand gegeben. Der ist als Artistenagent seit 25 Jahren für den Friedrichstadtpalast tätig und hatte die Idee zu dieser Show schon den vorherigen Chefs vorgetragen. Nur wollten die nichts davon hören – ihr Fehler. Jetzt gibt es statt billigem Musical-Kleister lauter von Porod ausgesuchte, preisgekrönte, dramaturgisch geschickt und enorm effektvoll inszenierte Nummern.
Der Jongleur etwa ist ein nackter Schlangenmensch, der Bälle noch mit der Wirbelsäule zu jonglieren versteht. Zu „Schwanensee Reloaded“ fahren die Ballerinen auf dem Rad, auch Galina & Sonny Hayes, die beiden Clowns, werden nach dürftigem Anfang recht unterhaltsam.
Hornhaut braucht man natürlich auch. Etwa um Patrick King und Johan King-Silverhult zu ertragen, die erst als eine Mischung aus Tänzer und Ringer ordentlich ihre nackte, einmal schwarze, einmal weiße Haut, aneinanderreiben und zum großen Finale ihre schlabbernden Zungen in den Mund des anderen versenken. Oder den ganzen sterilen Pop-Plastik-Sex der Tänzerinnen und die oft ebenso sterile Musik. Das Lichtdesign dagegen, das muss erwähnt werden, ist ganz herausragend. Und Geschmacklosigkeiten hin oder her: Am Ende lässt man sich einfach mit größtem Vergnügen von all den Effekten überwältigen. Die Krise kann uns mal. It’s Showtime!

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Stephan Gustavus

Tip-Bewertung: Sehenswert

Qi
Friedrichstadtpalast
Friedrichstraße 107, Mitte,
Di-Fr 19.30 Uhr, Sa+So 15.30+19.30 Uhr,
Karten unter Tel. 23 26 23 26

 

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