Theater

Rachid Ouramdanes „Loin …“ bei Tanz im August

RACHID_OURAMDANE in Loin_Patrick_Imbert.

Und hier unser persönlicher Tipp für Tanz im August, auch wieder ein Künstler, in dessen Arbeit es um das Eigene und das Fremde geht: Rachid Ouramdane. Der Franzose ist Sohn algerischer Einwanderer. Er unternahm eine Reise auf den Spuren seines verstorbenen Vaters. Nach Vietnam. Er fand dessen Kriegstagebuch, seine Einsätze von Saigon bis Dien Bien Phu. Ouramdane, der sich als algerisches Kind in Frankreich immer als Opfer eines kolonialen Systems gefühlt hat, erfährt hier in Vietnam, dass er als Sohn eines Besatzers gesehen wird. Er begegnet einem Veteran der vietnamesischen Armee. Und einem Exilschriftsteller, der nach seinen Eltern forscht und kein Werk mehr zustande bringt. Ouramdane zeigt, wie Europa im Spiegel der Globalisierung tatsächlich wahrgenommen wird. Zwei dunkle Spiegel liegen auf der Bühne wie Blutlachen. Lautsprecher drehen sich und verbreiten Auszüge aus Interviews – oder eher: das tiefe Schweigen einer Generation, die Krieg geführt hat.

„Loin …“ (weit, entfernt) heißt sein Solo aus tiefer Wut. Ouramdane trägt die Kapuze der Ghettojugend, der Gestus ist rebellisch, der Rhythmus nur äußerlich sanft. Hinter der vorsichtigen Art, an Traumata zu rühren, scheint ein Vulkan zu brodeln. Sein ganzer Körper wird erschüttert, er hüpft, die gefangene Energie seines Körpers kommt nicht von der Stelle. Identität hat nichts mit Stabilität zu tun. Seine eigenen Wurzeln versteht man erst, wenn sie sich in der Fremde spiegeln. Ouramdane sagt: „Reisen sind Gelegenheiten, seine Identitäten zu hinterfragen, jene, die wir geerbt haben und jene, die wir anstreben.“ Das hätte Akram Khan auch sagen können, aber er ist schon wieder fort. Weit weg in der Welt.


Text
: Arnd Wesemann


Bahok
im HAU 1 Fr 15.8., Sa 16.8., 20 Uhr

Loin … im HAU?3, Mo 18.8., Di 19.8., 21.30 Uhr

Mehr über Cookies erfahren