Kommentar

„Rad ab“ von Peter Laudenbach

An der Volksbühne lässt sich derzeit schön beobachten, wie wertvoll symbolisches Kapital sein kann

Peter Laudenbach

Zum Beispiel das symbolische Kapital, der Ruhm, die Aura, die Legenden, die sich in den letzten 25 Jahren an Castorfs Theater angesammelt haben – und an dem Castorfs Nachfolger vermutlich gerne ein wenig partizipiert hätte. Um deutlich zu machen, dass Dercons neue „volksbühne“ mit der Geschichte der Castorf-Jahre nichts zu tun hat, werden am Ende der Spielzeit zwei Markenzeichen entfernt: Das große Rad, das auf zwei Beinen vor dem Haus steht, und der blaue Neonschriftzug „Ost“ auf dem Dach. Weshalb sollte Castorfs Volksbühne dem von ihr verachteten Nachfolger auch ihre Symbole überlassen. Das Rad und das trotzigen „Ost“-Statement dem ab kommender Spielzeit zweckentfremdeten Theater zu überlassen, hätte etwas von einer Produktfälschung, ein Betrug am arglosen Besucher und eine Enteignung der Geschichte. Wenn Dercon einen Neubeginn will, soll er ihn haben. Lustig ist, wie sich ausgerechnet der „Tagesspiegel“ über dieses klare Signal aufregt – mit dem wunderbar kleinlichen Argument, schließlich hätten die „Steuerzahler“ das Stahlrad bezahlt. Die Rechte an diesem Logo liegen bei seinem Erfinder, Bert Neumann, beziehungsweise seiner Witwe. Und die ist ein bisschen zu integer und geschmackssicher für Dercons Welt.

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