Theater

Rainald Grebe über seine Wahlkampf-Show

Grebe_c_Katja-Strempeltip: Herr Grebe, wissen Sie schon, welche Partei Sie am 18. September wählen werden?

Rainald Grebe:?Nein, das wird, je länger ich mich damit beschäftige, immer unklarer.

tip: Die Wahlwerbung hilft nicht unbedingt weiter. Die SPD wirbt mit „Berlin verstehen.“ Die CDU hält hart dagegen: „Gerade. Richtig.“ Das ist von durchschlagender Inhaltsleere.

Rainald Grebe: Ja, Wahnsinn. Ich habe Leute aus den Werbeagenturen, die das entwerfen, getroffen, Profis, die sonst auch für Yoghurt oder Dessous Werbung machen. Soweit ich weiß, ist die CDU die einzige größere Partei, die keine externe Werbeagentur engagiert hat. Das „Gerade. Richtig.“ haben die sich selber ausgedacht.

tip: Das ist stumpf, aber immerhin authentisch.

Rainald Grebe: Ich weiß nicht, wie sie das da auskungeln. Vielleicht hat ihnen ein Praktikant die Plakate entworfen. Aber ehrlich gesagt, was soll einem zu so einer Wahl auch einfallen. Die SPD zeigt Plakate ohne Worte. Es ist vielleicht konsequent, dass man einfach nur schöne Bilder zeigt, der Vater mit dem Handy und dem Kind auf dem Arm, und darunter steht dann: „Berlin verstehen.“ Der Titelverteidiger sorgt für ein harmonisches Wir-Gefühl, Sonnenkönig Wowereit. Da können die Grünen machen, was sie wollen, das wird wahrscheinlich alles nichts nutzen, weil Wowi das Ding locker nach Hause holt. Das ist sein Heimspiel.

tip: Was passiert im Gorki Theater bei „Völker schaut auf diese Stadt“, Ihrem Theaterstück zum Wahlkampf?

Rainald Grebe: Es wird aussehen wie so ein konspiratives Kellerloch, in dem man dann auf die Infos und Geheimdokumente aus den Wahlkampfzentralen der Parteien stößt, eine Art Wowileaks.

tip: Haben Sie zur Recherche im Vorfeld Politiker getroffen?

Rainald Grebe: Ja, das waren 20, 30 Gespräche mit Politikern aus fast allen Parteien, auch den ganz kleinen. Mich interessiert ihr Alltag, Details ihres Politikerlebens, ich wollte die einfach mal kennenlernen. Ich fürchte, das ist ein ziemlich undankbarer Beruf. Die Frage ist auch, ob die überhaupt noch genug qualifizierten Nachwuchs bekommen. Es geht mir nicht darum, die Politiker in die Pfanne zu hauen, ich will kein Kabarett machen, ich versuche, sie ernst zu nehmen. Deshalb tue ich mich bei den Proben gerade schwer.

tip: Es wäre etwas billig, nur zu sagen: „Politiker sind doof.“

Grebe1_c_Katja_StrempelRainald Grebe: Das ist ja auch Quatsch, dann wäre ich ja genau auf dem Stammtisch-Niveau einer Kabarettsendung wie „Scheibenwischer“. Das will ich nicht. Aber was kann man stattdessen auf der Bühne machen? Ich erlebe zurzeit auch komische Sachen mit Politikern. Neulich hat mit Eckart von Klaeden von der CDU ins Kanzleramt eingeladen. Ich war in Pankow beim Friseur, und da war der Herr Klae­den vor mir dran, bei so einem ganz billigen Friseur. Der wusste, wer ich bin, und hat mir seine Karte gegeben. So kam ich zum Besuch im Kanzleramt, im Kabinettssaal mit der Glocke. Ich war im Zentrum der Macht.

tip: Wie waren Ihre anderen Begegnungen mit Politikern?

Rainald Grebe: Interessant. Ich war teilweise von der Kompetenz, von ihrem Fachwissen beeindruckt. Ich habe mich mit dem Bürgermeister von Pankow getroffen,  in seinem Bezirk wohnen gut 300?000 Leute. Das ist sicher ein kompetenter Mann; was der von morgens sieben bis abends zehn zu tun hat, ist enorm. Ich wollte es nicht machen, ich kann vor so jemandem nur den Hut ziehen. Kennen Sie den Schriftsteller Steffen Kopetzky? Den habe ich in seinem Dorf in Bayern besucht, in Pfaffenhofen, weil er dort für die SPD Stadtrat ist. Das fand ich interessant, ein Künstler, der plötzlich anfängt, harte Kommunalpolitik zu machen. Ich kann nur sagen: großer Respekt. Das schöne an Kommunalpolitik ist ja, dass es um überschaubare Themen geht: die Umgestaltung der Kastanienallee, Flugrouten, Sicherheit in der U-Bahn. Dann sagt die CDU, wir machen alles sicherer, 30 Polizisten mehr in der U-Bahn. Sehr schön. Kommunalpolitik hat etwas Rührendes, gleichzeitig ist sie der Beginn von politischem Engagement, auch wenn es nur darum geht, wie viele Stühle vor den Cafйs auf der Kastanienallee stehen dürfen – daraus kann schnell K21 werden.

tip: Sie singen in einem Ihrer Lieder selbstironisch, dass Sie jetzt „oben“ angekommen seien. Eigentlich müssten Sie als Besserverdiener jetzt FDP wählen, oder?

Rainald Grebe: Das ist ja auch nur so eine kleine Splitterpartei … Es gibt ja den Wahl-O-Maten, wo man zu verschiedenen Fragen seine Präferenzen angeben muss, und am Ende erfährt man, welche Partei zu einem passt. Das kann zu bösen Überraschungen führen. Ich habe den Test gemacht und könnte jetzt im Prinzip von FDP bis Linkspartei alles wählen. Ich habe offenbar zu viele verschiedene Meinungen.

tip: Sind Sie parteipolitisch eine multiple Persönlichkeit?

Rainald Grebe: Sieht so aus. Aber das geht doch wahrscheinlich vielen so. Ich fürchte, bei dem Abend im Gorki Theater ist Verwirrung Programm.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Katja Stempel

Völker schaut auf diese Stadt Maxim Gorki Theater, 31.8., 6., 9., 14.9., 19.30 Uhr

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