Theater

Rainald Grebe und „Zurück zur Natur“

tip Sie erzählen in einem Vier-Minuten-Song mehr über das Leben und die Menschen als Claus Peymann in einer Vier-Stunden- Inszenierung. Weshalb zeigen Sie jetzt am Maxim Gorki Theater einen Theaterabend?
Rainald Grebe Was wir am Maxim Gorki Theater machen, ist eigent­lich ein thematisches Konzert mit Schauspielern. Ich mache ja seit Jahren Theater. Ich habe an der Ernst-Busch-Hochschule Puppen­spiel studiert, dann bin ich mit anderen Regisseuren und Schauspielern ans Theaterhaus Jena gegangen. Ich war sogar mal Dramaturg, zwei Jahre bin ich ins Oberstübchen gewechselt.

tip Sind Ihre Lieder nicht eigentlich auch Miniatur-Theaterstücke, sozusagen stark komprimierte Tragikomödien?
Grebe Klar, darum geht’s: eine Welt im Kleinen, im besten Fall.

tip In Ihrem schönen Hit „Brandenburg“ beschreiben Sie stoisch die Langeweile und Dumpfheit des Lebens in irgendwelchen Käffern in der Provinz: „In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt / was soll man auch machen, mit 17, 18 in Brandenburg … / Da stehen drei Nazis auf einem Hügel und finden keinen zum Verprügeln in Brandenburg, Brandenburg …“ Weshalb widmen Sie sich jetzt in Ihrem Gorki-Programm der Sehnsucht nach dem Landleben beim schwarz-grünen Bionade-Bürgertum vom Prenzlauer Berg?
Grebe Ich verwurste da meine eigene Geschichte. Das hat sich über die letzten Jahre so entwickelt, schon durch das dauernde Rumfahren auf Tourneen, man wird zum Hotelbewohner und ist nie zu Hause, eine ortlose Exis­tenz, die ja viele führen. Da entsteht das Bild, dass es schön wäre, ein Landhaus zu haben. So geht es, glaube ich, nicht nur mir. Aber wenn ich Freunde auf dem Land besuche, sitze ich eigentlich immer nur da und rauche. Das hat mit echtem Landleben natürlich nichts zu tun. Die Arbeit im Garten machen die anderen.

tip Spricht der enorme Erfolg von Zeitschriften wie „Landlust“ dafür, dass die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande ein neuer Großtrend ist?
Grebe Das glaube ich schon. Al­lerdings lesen das vermutlich eher Großstädter als die Bauern in Brandenburg. Das sind Stadt­-Fantasien. Unser Stück heißt im Untertitel auch „Ein Konzert für Städtebewohner“, das Bühnenbild zeigt Berlin-Mitte. Der Fokus ist nicht das Dorf in Brandenburg, sondern wir hier im Latte-Macchiato-Milieu, die gerne vom Landleben schwafeln.

tip Steckt hinter den Träumen vom Leben auf dem Land nicht auch einfach eine Überforderung? Man will raus aus den Komplexitäten der Moderne, den Zumutungen der Großstadt und gibt sich der romantischen Illusion hin, auf dem Land sei alles unkomplizierter und irgendwie authentischer?
Grebe Wenn ich mir selbst auf die Schliche komme, glaube ich, es geht bei diesen Fantasien von einem Landhaus eigentlich um die totale Gefräßigkeit. Ich will alles haben, in der Stadt leben und vernetzt und auf der Höhe der Zeit sein – und dann zusätzlich auch noch ein Haus auf dem Land. Es geht in der Sehnsucht nach dem Land auch um Besitz, man will die eigene Scholle … (lacht).

tip Das ist natürlich im Kern komplett konsumistisch. Nichts ist dekadenter, als wenn überreizte und übersättigte Großstadtbewohner vom einfachen Leben in der Natur träumen.
Grebe Klar, das ist auch ein Luxusproblem. Das meine ich mit Gefräßigkeit: Man hat schon alles und will das Landleben auch noch haben. Das ist eigentlich eine ziemlich eklige Haltung. Was mich an diesem Bionade-Berlin-Mitte-Milieu auch interessiert, ist der Umgang mit Geld, wenn das Salz aus dem Himalaya im Biosupermarkt zehn Euro kostet. Diese Sehnsucht nach dem vermeintlich Natürlichen und Authentischen muss man sich leis­ten können. Wenn unser Schlagzeuger erzählt, was in der Schule, auf die seine Kinder gehen, für ein Druck aufgebaut wird – die Klassenausflüge sind jetzt schon ökologische Reisen zu irgendwelchen Biobauernhöfen, und Kinder, deren Eltern es sich das nicht leis­ten können, haben ein Problem. In manchen Gegenden am Prenzlauer Berg wohnen ja kaum noch Normalverdiener.

RainaldGrebetip Sondern arriviertes Kulturvolk.
Grebe Also wir. Ich spiegele mich in meinen Liedern ja auch dauernd selbst, auch zum Beispiel in dem „1968“-Programm, das sind meine eigenen Widersprüche. Das ist bei dem Thema jetzt mit der Sehnsucht nach dem Land genauso – ich verstricke mich da nur in Widersprüche. Wenn man einmal diesen Wunsch hat, geht es plötzlich los. Auf einmal fängt man an, über Immobilien nachzudenken, obwohl man das nie wollte, völlig absurd. Man besucht Leute, die dann da in Brandenburg in ihrem Wald stehen. Aber natürlich will ich kein Unkraut jäten, Kühe melken oder Tomaten züchten, das kann ich wahrscheinlich auch gar nicht. Plötzlich landet man bei feudalen Fantasien: Junker Grebe auf seinem Hof beschäftigt Gärtner, einen Ofenbauer oder Viehknechte. Ich will mich ja wahrscheinlich nur in die Sonne setzen, Milchkaffee trinken und schön auf den See schauen.

tip Und wie die Kultur-Yuppies im Prenzlauer Berg die alten Ostler vertrieben haben, werden dann die Dörfler zu Gärtnern für Berliner mit Natursehnsüchten, die sich in der Uckermark einen alten Hof gekauft haben?
Grebe So läuft es ja. Ich war bei Dieter Moor, diesem Fernsehmoderator, zu Besuch auf seinem Bauernhof. Seine Frau war wohl früher Filmproduzentin, davon hat sie sich verabschiedet und ist jetzt Landwirtin. Er moderiert fleißig weiter, er schafft die Kohle ran und sitzt dann, wenn er frei hat, auf dem Trecker. Die hatten das Landleben schon immer als Hobby, aber sie meinen es ernst: Der Hof soll irgendwann schwarze Zahlen schreiben.

tip Weshalb ist es offenbar so faszinierend, das eigene Stück Land zu besitzen?
Grebe Ich merke das auch bei anderen, die kaufen sich einen Wald oder eine Wiese. Was ich bei Leuten, die wirklich auf dem Land leben, auch beobachte, ist, wie sie darauf reagieren, dass wir jetzt eine Wirtschaftskrise haben. Die reiben sich die Hände und freuen sich, dass sie rechtzeitig ihre Jobs gekündigt und einen Hof gekauft haben. Die denken schon darüber nach, einen Zaun um ihren A­cker zu bauen, falls dann die ganzen hungrigen Städter kommen … Der Hof wird zu einer Art Arche Noah, auch mit so einem Autonomiegedanken: Man hat seinen eigenen Brunnen und sein eigenes Windrad, und in den Städten ist die Krise. Das sind so die Fan­tasien. Ich habe Leute in Brandenburg besucht, die leben da ohne Strom in ihrem Erd-Tipi, aber trotzdem kommt viermal im Jahr der Schornsteinfeger und kontrolliert den Kamin.

tip Wie fanden Sie das?
Grebe Ich fand das durchaus beeindruckend, muss ich sagen. Die Leute waren selbstbewusst und überhaupt nicht dumm, Extre­mis­ten, die sich schon zu Ostzeiten weitgehend aus allem rausgezogen und ihre Berufe aufgegeben haben. Die verdienen ihr Geld, wenn sie mal welches brauchen, mit Reitershows auf Mittelaltermärkten. Aber für mich wäre das nichts.

tip Ihre Lieder sind voller genauer Beobachtungen eines Milieu-Diagnostikers in der Großstadt. Können Sie sich im Ernst vorstellen, wie zum Beispiel Botho Strauß der Stadt den Rü­cken zu kehren und auf dem Land zu leben?
Grebe Keine Ahnung, vielleicht werde ich dann Naturlyriker, wer weiß (lacht). Bisher ist das ja nicht mehr als eine spinnerte Idee.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Bettina Stöß, Harry Schnitger


Termine: Zurück zur Natur

im Maxim Gorki Theater,
Premiere: 21.1., 19.30 Uhr
Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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