Theater

Rainald Grebes „DADA Berlin“ am Gorki

DadaBerlinDas ist eine seltsame Talkshow. Thema: „Das Ende der Kunst.“ Der Moderator begrüßt den Bass-Bariton Thomas Quasthoff, der sein persönliches Ende der Kunst vor Kurzem mit dem Rückzug von der Konzertbühne und dem selbst gewählten Ende seiner Gesangskarriere beschlossen hat. In Zukunft, strahlt der Moderator, wird Quasthoff als Pianist auftreten. Ist das jetzt ein besonders geschmackloser Scherz angesichts der Contergan-Schädigung des Sängers oder einfach eine Unverschämtheit? Quasthoff lächelt höflich, setzt sich an einen winzigen Flügel – und spielt mit stoischer Ruhe „4’33“ von John Cage: Viereinhalb Minuten Stille. „Was soll jetzt noch kommen, nach dem Nichts?“, ruft der Moderator. Gute Frage. Der Moderator ist der Sänger, Musiker, Entertainer, Theatererfinder Rainald Grebe, und was aussieht wie eine Talkshow, ist sein neues Stück am Maxim Gorki Theater: „DADA Berlin“.

Grebe tut so, als würde er hier gerade den Piloten für seine erste Show beim Dada-Sender RBB produzieren, und Wilhelm Eilers als Warm-up-Knecht versucht, das Publikum in Schunkel-Laune zu bringen („Wir sind hier nicht im Fernsehgarten“). Grebe macht, was er auf der Bühne am liebsten macht: Er jongliert gekonnt mit Peinlichkeiten. Und er testet die Möglichkeiten, 96 Jahre nach Hugo Balls erstem Dadaistischen Manifest die Antikunst-Avantgarde von damals angemessen spöttisch abzufeiern. Zum Beispiel indem eine verkniffene Germanistin (Cristin König) Dada-Daten abfragt. Oder indem der Hausmusiker in einer übergroßen Kopie von Duchamps Pissoir-Readymade steht. Oder indem der aufgekratzte russische Lautdichter Valeri Scherstjanoi die Vorteile russischer Lautpoesie erklärt: „Wenn man den Text vergisst, merkt es niemand.“
Dass der Dadaismus lebt und in Wirklichkeit längst die Macht übernommen hat, führt Grebe vor, indem er sagenhaft sinnfreie Folgen von „Landlust TV“ und TV-Malkurse von Bob Ross, einem wahren Antikünstler, aufs Höhnischste nachspielen lässt. Keine Frage: Dada hat gesiegt, alle Sinnfragen sind hier zuverlässig und rückstandsfrei entsorgt. Oder mit Grebes Worten: „Am Anfang war die Wiege, am Ende kommt die Bahre – dazwischen nehm’ ich Brückenjahre.“ Aber das ist im notorisch ehrgeizfreien Berlin kein Kunststück, sondern ohnehin der Normalfall.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Thomas Aurin
tip-Bewertung: Annehmbar

Termine: DADA Berlin
Maxim Gorki Theater,
Karten-Tel. 20 22 11 15

Porträt Rainald Grebe

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