Theater

„Rein Gold“ im Schiller Theater

Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sitzen im Hinterhof des Schiller Theaters auf der Probebühne an Bandmaschinen und Bildschirmen. An der Wand hinter ihnen hängen kopierte Zeitungsfotos: eine lächelnde Beate Zschäpe, Urlaubs-Schnappschüsse der NSU-Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, der Wohnwagen der Neonazis in Zwickau. Irgendwo blickt auch der „Breaking Bad“-Drogenkoch Walter White diabolisch über den Rand seiner Lehrerbrille. Man wähnt sich am Arbeitsplatz von Kriminal-Profilern. Im Abend an der Staatsoper, für den das Musiker-Duo arbeitet, geht es um den „Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner.

Elfriede Jelineks wuchtiger Essay „Rein Gold“ bildet die Folie für die Inszenierung des bewährten Jelinek-Regisseurs Nicolas Stemann, der seit Jahren mit Kürstner und Vogel arbeitet. In „Rein Gold“ lässt Jelinek in frei drehender Assoziation die Wagner-Saga auf die politische Gegenwart prallen, von der Finanzkrise über Karl Marx und Christian Wulff bis zu den Mördern des NSU. Ein marodes, von Gier zersetztes System ist an den Endpunkt gelangt, es schwelt die Sehnsucht nach einer Revolution. In Jelineks Text sind es nur noch die Wahnsinnigen am rechten Rand, die sich als Revoluzzer inszenieren.  „In Jelineks Text bleibt die Erlösung aus“, sagt Sebastian Vogel. „Für den Umgang mit der Musik haben wir uns also gefragt: Wie könnte Wagner klingen, wenn keine Erlösung stattfindet?“

Von Anfang an stand fest, dass der klassische Orchesterklang der Staatskapelle auf das elektronische Instrumentarium Kürstners und Voglers trifft. „Wir wollten dieser wahnsinnigen Oper und der Staatskapelle musikalisch etwas aus der Jetztzeit gegenüberstellen“, so Kürstner. „Das hätte auch eine E-Gitarre sein können; aber wir dachten, es wäre schöner, mit diesem elektronischen Modul-System zu beginnen, denn es vereint so viele Kompositionstechniken. Es ist ein offenes System.“

Teile aus Wagners „Ring“-Opern arrangieren die beiden Komponisten neu, sie greifen Leitmotive heraus, weben auch mal Artfremdes hinein, wie eine Zwölftonskala Alban Bergs in den Abschluss der „Götterdämmerung“. Herzstück ihres Instrumentariums ist ein modulares Synthesizer-System: eine baukastenartige Versammlung an Maschinen wie Filtersystemen, Oszillatoren und Erzeuger von Sinuskurven. Verschaltet ist das System mit einer betagten Bandmaschine, Plattenspielern oder auch dem Manual eines Trautoniums – jenem obskuren elektroakustischen Instrument, das man von den schrillen Vogelschreien aus Hitchcocks Horrorfilm „Die Vögel“ kennt. Wagners Partitur und Jelineks Texte werden zum Spielmaterial der Musiker.

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In Stemanns Inszenierung nimmt die Staatskapelle auf fahrbaren Bühnenelementen den Großteil der Bühne ein. Der Regisseur verabschiedet sich von Wagners Ideal, die Musiker im Orchestergraben unsichtbar zu machen und die Klangquelle zu verschleiern. „Begreift man den Jelinek-Text als Wortkonzert, der mit der Musik in Beziehung tritt, ergibt sich daraus eigentlich zwangsläufig, dass alle Akteure auf der Bühne sichtbar sein müssen“, sagt Vogel. Das Ergebnis wird ein Wagner-Remix sein.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Claudia Lehmann

„Rein Gold“ ?Staatsoper im Schiller Theater So 9.3., 18 Uhr, Mi 12., Sa 15.3., 19 Uhr Karten-Tel. 20 35 45 55, www.staatsoper-berlin.de

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