Theater

„Reise! Reiser!“ im Theaterdiscounter

Ihr Stück „Reise! Reiser!“ verbindet den verkrachten Künstler aus Karl Philipp Moritz’ Romanfragment „Anton Reiser“ von 1785 mit dem „Ton Steine Scherben“-Sänger Rio Reiser. Was haben die beiden miteinander zu tun?
Rio Reiser hat sich tatsächlich nach dieser Romanfigur benannt. Das war der erste psychologische Roman, so etwas wie die Prollversion von „Wilhelm Meister“. Anton Reiser ist von Kindesbeinen an benachteiligt, er rettet sich in Bücher und beginnt die Welt zu romantisieren. Er will unbedingt ans Theater, träumt sich in Großartiges, fliegt aber immer wieder auf die Fresse. 600 Seiten lang. Riesenaufbruch, totales Scheitern. Das passt zu Rio Reiser.

Hat Rio Reiser eine Kommerzkarriere gemacht – vom „Keine Macht für niemand“-Anarcho zum „König von Deutschland“?
Oberflächlich betrachtet vielleicht. „Ton Steine Scherben“ werden bis heute kaum im Radio gespielt, und wenn, dann nie unkommentiert. Die Band war am Ende total verschuldet. Das wird etwas verzerrt durch den Erfolg von „König von Deutschland“, mit dem jetzt auch „Mediamarkt“ Reklame macht. Ich sehe Reiser als jemanden, der dem Licht sehr nahe gekommen, aber verglüht ist.

Wie spielen Sie beide Reisers in Ihrer musikalischen Politrevue?
Ich wollte keinen Abend machen, wo ein Schauspieler statt Jacques Brel jetzt Rio Reiser singt und zu „Schwarze Front“ die Kulturbürger schunkeln. Eher schwierig. Die Musik kommt spät und ist sehr Lowtech, Christoph Iacono spielt Klavier oder trommelt gegen Wände. Als zusätzliche Ebene benutzen wir das Manifest „Der kommende Aufstand“. Den Selbstverwirklichungsterror, der darin beschrieben wird, finde ich auch im Roman. Und so lese ich die Geschichte von „Ton Steine Scherben“. Die saßen zwischen den Stühlen in einer Zeit, die zerrissen war zwischen hemmungslosem Hedonismus und pietistischer Strenge. Mit Uschi Obermaier auf der einen und Ulrike Meinhof auf der anderen Seite.

Und für Reiser hieß es: „Der Kampf geht weiter“?
In einem seiner bekanntesten Songs, „Der Traum ist aus“, beschwört er noch die Hoffnung, auf seiner letzten Platte besingt er in „Träume“ das Gegenteil. Da hat er aufgegeben. Was bleibt vom Lebenskampf? Eine Riesenfrage, um die Rio Reiser die ganze Zeit kreist. Und „Anton Reiser“ auch.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Ja!No!Be!K.O!

Reise! Reiser! Theaterdiscounter, Sa 24.–Mo 26. Mai, 20 Uhr, Karten-Tel. 28 09 30 62

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